Dienstag, 18. Oktober 2011

Zeit für Feste und Männer (Jungs?) in Strumpfhosen

Es ist Herbst geworden in Japan. Ab 17:30 Uhr ist es stockdunkel draußen, die Temperaturen und das Wetter schwanken in letzter Zeit ziemlich und die japanische Herbstmode hat ihren Einzug ins Land gehalten und sorgt trotz bisweilen trüben Wetters für genügend Erheiterung.
Neuestes Beispiel sind die im Titel erwähnten männlichen japanischen Studenten in ihren nach wie vor halblangen Hosen, unter denen einige inzwischen allerdings hautenge Strumpfhosen tragen. Meist in schwarz, aber heute habe ich auch eine gesehen mit Piraten-Totenkopf-Aufdrucken. Sehr schnuckelig.

Davon abgesehen ist der Herbst auch die Zeit der Universitäts-Feste. Dazu betreiben die Clubs und Zirkel der einzelnen Unis oder Campus wochenlang umfangreiche Vorbereitungen, um an den Tagen des Campus-Festes ihren eigenen kleinen Stand, Flohmarkt oder Aufführungen präsentieren zu können. Und weil wirklich die gesamte Uni mitmacht, sowohl bei der Vorbereitung als auch bei der Durchführung, sind diese Herbstfeste jedes Jahr aufs Neue ein spektakuläres Ereignis, hinter denen sich deutsche Unis nur verstecken können. Wenn man so etwas nie erlebt hat, kann man sich kaum vorstellen, dass so viele Studenten, die miteinander eigentlich kaum in Verbindung stehen, ein so gut durchorganisiertes Fest auf die Beine stellen können. Vor allem, da japanische Studenten ja landläufig den Ruf weg haben, eher passiv zu sein und nicht diskutieren zu können.
Am Sonntag, den 16.10., war ich zusammen mit Franzi und Katha (ebenfalls eine Kommilitonin aus Halle) auf einem dieser Herbstfeste, nämlich am Shonan-Fujisawa-Campus (kurz: SFC-Campus) der Keio-Universität. Jumpei, ehemals Austauschstudent in Halle, studiert dort am Campus und hat uns eingeladen. Zeitlich passte das auch ganz prima, denn am Tag zuvor hatten wir Doppel-Master-Studenten gerade ein Kolloquium für die Master-Arbeiten hinter uns gebracht, d.h. die Woche zuvor wurden fleißig Recherche-Ergebnisse gesammelt und in ein Handout gepackt und der dazugehörige Vortrag geübt, damit wir am Samstag (!) dann in fünfstündiger (!) Diskussion alle Themen fein auseinanderklamüsern konnten. Hungrig und müde sind Franzi und ich danach noch weiter nach Yokohama gefahren, wo unsere Freunde vom Deutsch-Gasshuku gerade zum Nomikai in ein Restaurant gegangen sind. Die meisten der Leute sieht man bestenfalls einmal pro Monat, deshalb wollten wir uns diese Chance natürlich nicht entgehen lassen. Aber gegen 22:00 Uhr haben wir dann schon gemerkt, dass unsere Energie für diesen Tag allmählich aufgebraucht war.

Zurück zum Sonntag. Pünktlich 10:30 Uhr wollten Franzi, Katha und ich uns in der Lobby im Wohnheim treffen und dann gemeinsam zum SFC-Campus fahren. Allerdings habe ich mit dem Frühstücken irgendwie länger gebraucht als sonst, also mussten die beiden noch 15 Minuten warten...
Auf dem Weg zum Campus hatten wir von der Bahn aus einen Anblick, den ich seit längerem nicht mehr erleben durfte:


Ganz schüchtern lugte hinter dem alltäglichen Dunstschleier doch tatsächlich der Fuji-san bläulich hervor! Und momentan noch ganz ohne weiße Haube. Bedingt dadurch, dass die Smog-Belastung und Luftfeuchte in Tokyo im Sommer stärker sind als im Winter, bekommt man ihn in der warmen Jahreszeit kaum zu Gesicht.

Nach gut einstündiger Fahrzeit sind wir in Shonandai, der Endhaltestelle, noch in den Bus umgestiegen und weitere 20 Minuten später am Arsch der Welt, also dem Campus, angekommen...


...und sind gleich darauf auch schon auf Akiko, die bis August ein Auslandsjahr in Halle gemacht hat, gestoßen.


Akiko hat sich am Stand der Deutsch-Studenten engagiert und fleißig Werbung für Bier und Bratwurst gemacht.

Nach kurzem Plausch haben wir uns aber erst einmal den Rest des Festes angeschaut, wobei wir immer wieder lästige Studenten abwimmeln mussten, die uns mit beharrlicher Sturheit das Essen oder die Getränke ihres Standes aufschzuschwatzen versuchten. Nicht, dass wir nichts kaufen wollten, aber wir wollten uns zumindest erst einmal umsehen. Und das Kappa-Gebäude finden. Dort hatte Kaho, eine Freundin von Katha, die vorletzten Sommer für einen Monat in Halle war, mit ihrem Musikzirkel ein Musik-Café eingerichtet, wo man sich ab 13 Uhr eine kleine Aufführung anhören konnte.







Im Anschluss daran haben wir uns mit Jumpei getroffen. Als SFC-Student ist er einer der ganz wenigen, die für ihren Uniweg nicht mindestens 1 1/2 Stunden mit Bahn und Bus brauchen, weil er direkt in Fujisawa, der Stadt, in der sich der Campus befindet, wohnt. Einige Studenten wohnen sogar so weit weg, dass sie bisweilen sogar direkt auf dem Campus übernachten, weil sich die Heimfahrt abends einfach nicht mehr lohnt. Zeugnisse davon haben wir in einem der Gebäude in Form eines verlassenen Schlafsacks gesehen.
Jumpei hat uns dann noch einigen Freunden von sich vorgestellt, Deutschen wie Deutschlernenden, und mit einigen von ihnen haben wir uns dann die Breakdance-Aufführung des Tanzclubs angesehen, eines der Highlights des SFC-Herbstfestes. Diese Gruppe hat hunderte Mitglieder, die mit Sicherheit alle mehr trainieren als studieren, so gut, wie die sind. Dafür sind sie selbst an anderen Unis entsprechend berühmt und haben natürlich auch ihre eigene kleine Fangemeinde, die bei der ca. 1 1/2-stündigen Vorführung ordentlich angefeuert hat.










Zu schade, dass meine Kamera keine Videos aufnehmen kann. Bei den Tanzeinlagen hätte sich das wirklich gelohnt. Aber wenn Franzi irgendwann demnächst ihren Blogeintrag zum Herbstfest schreibt, könnt ihr dort bestimmt einige Videos bewundern. =)

Nach einem weiteren Besuch beim Stand der Deutsch-Studenten (inclusive leckerer Bratwurst) haben wir uns auf den Weg zur Nebenbühne gemacht. Kahos Zirkel hatte dort noch einen weiteren Auftritt, den wir uns gern noch ansehen wollten, zumal sie diesmal größtenteils andere Stücke aufführen wollten als am Nachmittag. Bis es losging, konnten wir uns noch ein wenig die Jazzmusik der Vorgängerband anhören.
Im Nachhinein hätte ich mich gern auf der anderen Seite der Bühne niedergelassen und nicht auf der, wo der Verstärker stand. Vor allem Geigen können verdammt schmerzhaft sein im Ohr, wenn sie durch so ein Monster zigfach verstärkt werden und man sich in unmittelbarer Nähe befindet. Das war echt schade, weil der Student, der die erste Geige gespielt hat, wirklich sehr gut war, wenn ich das mit meinem nicht vorhandenen musikalischen Gehör jetzt einfach mal so einschätzen kann.

Inzwischen war es längst nach 18 Uhr, demnach auch längst dunkel, und der letzte Zirkel hatte sein Projekt ebenfalls vollendet: Das Kerzen-Aussetzen. Direkt neben dem Campus-Eingang wurden die Heimkehrenden von einem leuchtenden Kerzenmeer verabschiedet und luden natürlich noch einmal zum abschließenden Foto-Schießen ein. Ich hätte mich auch gern daran beteiligt, wenn sich gegen Ende der Breakdance-Aufführung nicht mein Kamera-Akku dazu entschieden hätte, den Geist aufzugeben. Aber so ein Kerzenmeer bei Nacht ist wirklich etwas Tolles.

Kommentare:

xfranczeskax hat gesagt…

Zum Fest-organisieren muss man nich diskuttieren können! ;)
..wird sind so blöd, wir hätten den Schlafsack ftofieren sollen!

Zephyr hat gesagt…

@ Franzi: Ja, ich hab mich im Nachhinein auch geärgert, dass ich daran nicht eher gedacht habe. ><