Dienstag, 24. Mai 2011

Mita no Ie

In der Nähe vom Mita-Campus gibt es das Mita no Ie (übersetzt: "Mita-Haus"), ein kleines Clubhaus hauptsächlich für Studenten und Austauschstudenten an der Keio-Universität, die Interesse am interkulturellen Austausch haben. Zwei, drei ehemalige und aktuelle Keio-Studenten sind für die Verwaltung des Mita-Hauses verantwortlich und organisieren wöchentlich (immer Montags) Vorträge und Veranstaltungen zu verschiedenen japanischen oder internationalen Themen. Letzten Montag haben vier Personen, die als freiwillige Helfer in die vom Tsunami zerstörten Gebiete gefahren sind, von ihren Tätigkeiten und Eindrücken dort berichtet. Thematisch klang das natürlich sehr spannend, also haben Franzi und ich uns nach dem Unterricht diesmal die Zeit genommen, sind länger in der Uni geblieben und anschließend dort hin gegangen. Zum Glück sind wir beide nicht das erste Mal dort vorbei gegangen, denn sonst hätten wir es eventuell sogar übersehen. Das Mita-Haus ist nicht viel größer als die anderen Gebäude in der Umgebung, sieht allerdings so alt und verlottert aus, dass man ihm nicht ansieht, dass sich dort Menschen gefahrlos aufhalten können. Innen (Aufenthaltsraum, Küche) ist es dafür umso gemütlicher und wirkt auch deutlich solider, als es auf den ersten Blick scheint.
Bevor es mit den Vorträgen los ging, gab es aber erst mal ein frisch zubereitetes Abendessen bestehend aus Chirashi-Sushi, einem Salat (mit viel Ingwer dran), Sora-mame, eingelegtem Rettich und Miso-Suppe. (Bis auf die Bohnen kann man natürlich alles ein wenig variieren, sodass unser Essen natürlich nicht ganz genau so aussah wie auf den Bildern.) Es war wahnsinnig lecker. Und kostenlos. Aber ein wenig haben mir die Köchinnen dennoch Leid getan, denn für den Abend waren ca. 30 Personen angemeldet und dementsprechend viel musste halt auch gekocht werden. Die durchschnittliche Besucherzahl beim Mita-Haus liegt ansonsten wohl bei unter 10 Personen, wie ich gehört habe. Der plötzlich so große Andrang lag natürlich an dem Thema des Abends, welches vielen hier natürlich nahe geht.
Der erste Vortragende war ein Student, der sich an einer Hilfsaktion in Minamisanriku beteiligt hat. Der Ortsname wird vielen sicher noch aus der Medienberichterstattung in Deutschland ein Begriff sein. Minamisanriku lag sehr nah am Zentrum des Erdbebens vom 11. März und ist vollkommen zerstört, einigerorts sogar derart dem Erdboden gleich gemacht worden, dass man sich schwer vorstellen kann, wo auf diesen weiten Sandflächen früher einmal eine Kleinstadt gewesen sein soll. Der Student, der den Vortrag gehalten hat, hat sich ca. eine Woche hauptsächlich damit beschäftigt, mit verschiedenen weiteren Teams täglich die einzelnen Notunterkünfte in der Umgebung zu besuchen und sich dort zu erkundigen, was den Leuten fehlt bzw. ob sie etwas brauchen. Diese Bedürfnisse wurden dann an entsprechende NPOs (Non-Profit-Organizations; Organisationen, die häufig vom Staat eine gewisse Unterstützung bekommen, um auf freiwilliger Basis für eine bestimmte Sache Hilfe leisten zu können) weitergeleitet. Gerade in den betroffenen Gebieten ist derzeit eine ganze Reihe von NPOs tätig, deren Namen und Spezialgebiete in Listen zusammengefasst sind, sodass man sich je nach Problem dann ganz konkret an eine dieser Organisationen wenden konnte. Weiterhin wurden dort oben auch einige Statistiken erhoben über die Anzahl der Personen, die in den einzelnen Unterkünften sind oder Umfragen geführt - unter anderem auch für Nachrichtensender oder Zeitungen.
Die zweite Vortragende war eine Austausch-Studentin aus Neuseeland, Christchurch, wo es im vergangenen September ebenfalls ein schweres Erdbeben gegeben hatte. Daraufhin hatte sich in Christchurch eine studentische Vereinigung gegründet, die sich um die Aufräum-Arbeiten in Christchurch gekümmert hat und im Laufe der Arbeit dort auf bis zu 20.000 Mitglieder angewachsen ist. Ein Teil dieser Mitglieder wollte nun, nach dem Beben in Japan, ebenfalls helfen, und so ist eine Gruppe von ihnen nach Ishinomaki aufgebrochen, um dort bei den Aufräumarbeiten zu helfen. Die Studentin, die den Vortrag gehalten hat, hat neben den Aufräumarbeiten vor allem als Dolmetscher geholfen, weil sie nebst Englisch auch Japanisch spricht.
Die nächsten beiden Vortragenden, einer der Organisatoren vom Mita-Haus, der vor ca. zehn Jahren bereits seinen Abschluss an der Keio gemacht hat, sowie ein Student, haben ebenfalls in Ishinomaki bei den Aufräumarbeiten geholfen. Das waren größtenteils Geschirr-Waschen, Möbel aus Häusern räumen und säubern und die Schlamm-Massen, die der Tsunami in die Häuser gespült hat, herausschippen und die Häuser reinigen. Auch Brücken und Straßen mussten natürlich vom Schutt befreit werden.
Der vierte Vortragende war ebenfalls schon lange raus aus der Uni und ist hobbymäßig seit Jahren Taucher, was ihm jetzt zu gute gekommen ist. In Iwate hat er zusammen mit Bekannten vom Tauchclub einen Fluss und das Meer in der Umgebung von dem Unrat befreit, welches der Tsunami dort reingespült hat. Bereits in ziemlich kurzer Zeit hat sich dadurch wohl schon eine Verringerung der Schlammmengen und eine Verbesserung der Wasserqualität gezeigt, in der - so hoffen vor allem die Fischer der Umgebung - auch der Lachs bald zurückkehren kann, der die Gewässer dort traditionell als Brutstätten benutzt. Deswegen waren auch die Fische aus der Region früher sehr beliebt. Aber viele sind nun natürlich gestorben oder bleiben weg, weil das Wasser seit dem Tsunami zu sehr verdreckt war.
Was bei allen Vortragenden sehr deutlich wurde, waren die Emotionen, die sie mit ihrer Arbeit und den Leuten vor Ort verbinden. Der Großteil der Bevölkerung in Nordjapan scheint erstaunlich positiv und tatkräftig zu sein. Viele bemühen sich nach Leibeskräften um den Wiederaufbau ihres Lebens und helfen sich gegenseitig. Aber vielen merkt man wohl auch das Leid stark an, vor allem älteren Leuten und all denen, die viele Familienmitglieder verloren haben. Der erste Vortragende hat bei einem seiner täglichen Rundgänge von einem älteren Mann auf die Frage, ob man ihm helfen könne, geantwortet, er würde gern seine Familie wiedersehen. In solch einem Moment ist man einfach sprachlos. Viele alte Leute sind wohl auch in der ersten Zeit nach dem Erdbeben in den Notlagern gestorben. Nicht nur wegen der Kälte, fehlenden Hygiene und schlechten Versorgungslage. Auch aus Einsamkeit. Andere haben sich das Leben genommen, weil sie keinerlei Hoffnung mehr finden konnten. Und auch jetzt gibt es unzählige Leute, die zwar wissen, dass es irgendwie weitergehen muss, aber keinerlei Vorstellung davon haben, wie sie das tun sollen. Viele Betreiber von kleinen Geschäften sagen beispielsweise, dass sie nicht wissen, ob sie ihre Geschäfte je wieder betreiben können, weil alles zerstört oder voller Schlamm ist. Und in dieser Hoffnungslosigkeit war es für die freiwilligen Helfer hin und wieder wie ein kleines Wunder, wenn sie im Team beispielsweise ein solches Geschäft vom Dreck befreien und einigermaßen wieder herrichten konnten und den Besitzern dieser Läden damit Hoffnung geben konnten, dass ihr Laden, der seit Jahren und Jahrzehnten als Familienbetrieb geführt wurde, nicht ganz verloren ist.
Dennoch waren solche kleinen Momente des Glücks auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Allein in Ishinomaki gibt es nach wie vor fast 3000 Vermisste, bereits etwas mehr als 3000 Tote und über 7000 Menschen, die derzeit in Notunterkünften leben. Früher hatte die Stadt ca. 160.000 Einwohner. Dementsprechend riesig ist allein in dieser einen Stadt die Fläche, die gereinigt und wieder aufgebaut werden muss. Ganz zu schweigen von all den anderen küstennahen Orten, die ähnlich schlimm beschädigt worden sind.
Innerhalb Japans war dies bis ungefähr Ende April auch durchgehend ein großes Thema in vielen Medien. Anfang Mai kam dann die Golden Week, eine freie Woche, die dadurch zustande kommt, dass sich in der Zeit viele Feiertage häufen. Sehr viele Japaner haben diese Gelgenheit genutzt, um sich als Freiwillige bei den Aufräumarbeiten zu beteiligen. Allerdings ist die Hilfsbereitschaft nach der Golden Week schlagartig abgeflaut. Auch das Medien-Interesse ist seither stark zurück gegangen. Gerade hier in Tokyo denken nun viele (vor allem viele von den freiwilligen Helfern) mit sehr besorgten Gefühlen an die Leute in Nordjapan, an das Nichts, vor dem viele der Menschen dort stehen und deren Hoffnungslosigkeit. Und daran, dass im Grunde jeder Einzelne selbst mit wenig Aufwand so viel tun könnte für die Leute dort. Aber dass in Tokyo plötzlich alles wieder so normal ist - die Züge fahren pünktlich und regelmäßig, die Stromversorgung funktioniert soweit, Versorgungsengpässe sind nirgends in Sicht und die Familien und Freunde von vielen sind zum Glück in Ordnung. Häuser und Geschäfte sind zum Glück auch alle so gut wie unbeschadet davon gekommen. Diese Ruhe wirkt fast schon skurril, wenn man dagegen an die Probleme in Nordjapan denkt.
Natürlich war mir selbst auch vorher schon klar, dass es in den Regionen dort schlimm aussehen muss und ich empfand es teilweise auch vorher schon befremdlich, dass in Tokyo alles so normal ist. Aber wenn man so frische und lebhafte Erfahrungen von diesen Helfern hört, die ihre persönlichen Begegnungen und Gedanken mit uns geteilt haben (häufig auch in Form von Bildern), dann wird diese Realität noch einmal in eine ganz andere Position gerückt und es fängt an, einen noch stärker zu beschäftigen als zuvor. Deshalb wollte ich den Weblog an der Stelle nutzen, um auf den Ernst dieser Situation aufmerksam zu machen und gleichzeitig auch meine eigenen Gedanken und Gefühle ein wenig zu ordnen.
Natürlich war es gleichzeitig ein guter Anlass, diesen interessanten Studententreff, genannt Mita-Haus, vorzustellen. ;)

Die Bilder sind übrigens alle von Google, weil ich meine Kamera leider nicht dabei hatte. Aber am Wochenende werde ich sie wohl wieder mitnehmen, wenn ich unterwegs bin.

1 Kommentar:

Ahiku hat gesagt…

Hier wird auch schon lange nicht mehr berichtet und wenn man gezielt googlet findet man meist nur was über die AKW... mich interessiert es vor allem, wie es den Menschen dort jetzt geht und was für sie getan wird. Drum find ich es auch gut, dass ihr dort hingegangen seid (auch wenn das Haus wirklich gruslig aussieht) und euch das angehört habt.
Aber seltsam, dass in Tokyo alles wieder in geregelten Bahnen verläuft, ich hoffe, dass sie Nordjapan trotzdem weiterhin helfen.
Davor kann man ja einfach nicht die AUgen zumachen.