Sonntag, 8. Mai 2011

Heimkehr in die eigenen vier Wände

Am Mittwoch, den 4.5., bin ich wieder in Japan angekommen und habe mein eigenes Zimmer wieder beziehen können, wo zudem mein gesamtes Hab und Gut seit März auf mich gewartet hat. Die erste Inspektion der Räumlichkeiten hat auch gleich ergeben: Nichts fehlt, nichts ist kaputt, nichts ist umgekippt. Letzteres wundert mich schon ein wenig, denn auch wenn mein Wohnheimgebäude neu und erdbebensicher ist, so kann ich mir nicht vorstellen, dass man von dem starken Beben am 11. März gar nichts gespürt hat. Aber ich will mich natürlich nicht darüber beschweren, dass alles in Ordnung war.
Viel Zeit zum Ausruhen war auch nicht, denn an demselben Abend haben sich einige Gasshuku-Freunde von Franzi und mir in Shinjuku getroffen. Die Gelegenheit wollten wir uns natürlich nicht entgehen lassen, sie zum einen wiederzusehen, zum anderen möglichst lange wach zu bleiben, um dem Jetlag keine Chance zu geben. Bis ca. 22 Uhr waren wir dann also lecker essen in Shinjuku. Dort hat sich seit dem Erdbeben im Großen und Ganzen nicht viel verändert. Die Bereiche um den Bahnhof waren unverändert bunt beleuchtet und die riesigen Bildschirme an einer der Kreuzungen liefen auch. Ich hatte angenommen, dass diese vielleicht, genau wie an der großen Kreuzung in Shibuya, abgestellt worden wären, aber anscheinend lag ich damit falsch. Allerdings merkt man doch an vielerlei Kleinigkeiten, dass die Japaner an allen Ecken und Enden Strom sparen: Hier und da funktionieren die Rolltreppen am Bahnhof nicht, es werden kaum noch heiße Getränke an den Getränkeautomaten verkauft, die Kaltgetränke scheinen auch nicht mehr ganz so eisig kalt zu sein wie sonst immer, in den Supermärkten wird kaum oder gar keine Musik mehr über die Lautsprecher eingespielt und auch in vielen Läden ist die Beleuchtung vermindert, um Strom zu sparen. Im OK Mart bei mir in der Nähe blieb z.B. auch die Beleuchtung an den Kassen aus, an denen man normalerweise sieht, welche Kassen gerade bedient werden.
Zurück zum Abend. Franzi und ich waren natürlich hundemüde, als wir dann endlich wieder im Wohnheim waren. Irgendwie habe ich es noch geschafft, meinen Koffer aus- und wegzuräumen, denn durch das Chaos, welches ich vor dem Losgehen mit meinen Sachen veranstaltet hatte, wäre erst mal kein Platz mehr zum Schlafen gewesen. Geschweige denn anständig durchs Zimmer zu laufen. Kurz nach Mitternacht war ich im Bett - und bin dann allerdings vor 16:30 Uhr auch nicht mehr wach geworden. Einkaufen gehen? Heute nicht mehr. Bis abends rumgegammelt, noch ein wenig aufgeräumt, gegen 12 wieder im Bett gewesen. Und am Freitag dann dummerweise gegen 3:30 Uhr schon wieder wach gewesen. Noch eine halbe Stunde Däumchen drehen im Bett, dann habe ich es nicht mehr ausgehalten und bin aufgestanden und hab die nächsten Stunden am PC totgeschlagen. Jetlag lässt grüßen.
11 Uhr habe ich alle Kommilitonen aus meinem Studienprogramm am Mita-Campus der Keio Universität wiedergesehen, wo uns Frau Murata, die mein Austausch-Programm hier in Japan betreut, den Ablauf des kommenden Jahres erklärt hat. Bepackt mit Zettel- und Heftstapeln, in denen vor allem alle möglichen Kurse, die ich dieses und nächtes Semester belegen kann aufgelistet sind, bin ich im Anschluss zusammen mit Franzi zur Bezirksverwaltung gefahren. Durch unsere Abwesenheit hatten wir die bisherigen Beiträge für unsere Krankenversicherung noch nicht zahlen können und damit es keine Probleme gibt, wollten wir lieber vor Ort fragen, was wir nun tun sollen/können. Glücklicherweise geht das deutlich unkomplizierter als bei deutschen Behördengängen: Wir haben je 5 Minuten gewartet und dann einfach den offenen Beitrag bezahlt. Ohne Murren, ohne Mahngebühren.
Anschließend waren wir in der Nähe unseres Wohnheims ein wenig einkaufen. Das heißt, eigentlich wollte Franzi eine leichte Sommerjacke kaufen und ich sie bloß begleiten, weil ich im Moment eigentlich nichts brauche. Am Ende hat sie keine Sommerjacke gefunden, ich dafür schon, sowie eine kurze Stoffhose und ein echt hübsches Oberteil. Damit war ich 30€ ärmer und glücklich. So langsam steckte uns beiden jedoch auch wieder die Müdigkeit in den Knochen. Mir sogar stärker noch als nach dem eigentlichen Flug nach Japan. Und zurück im Wohnheim habe ich es dann wirklich nicht mehr ausgehalten und habe mich erst mal hingelegt. Der Mittagschlaf ab halb fünf ist dann allerdings fast nahtlos in den Nachtschlaf übergegangen und ab ca. 3 Uhr nachts war ich dann wieder munter, eine halbe Stunde später bin ich aufgestanden. Die Schlafzeiten wurden immer verrückter. Und gerade in der Nacht war das unpraktisch, weil ich gegen 8 Uhr wieder zum Mita-Campus musste und von 9:30 Uhr bis 12:30 Uhr meinen Einstufungstest in Japanisch geschrieben habe. Morgen gibt es die Ergebnisse, aber berauschend werden die sicher nicht.
Nach dem Test ging es zurück ins Wohnheim und abends dann zur Willkommensparty, für die der Studienraum oben in der vierten Etage extra ausgeräumt worden war. Obwohl wegen des Atomunglücks dieses Semester nur 60% des gesamten Wohnheimes belegt sind, war es doch erstaunlich voll. Viele Studenten haben Freunde von außerhalb mitgebracht. Und die meisten, die fehlen, sind Studenten aus Europa und Amerika. Chinesen gibt es hier nach wie vor so einige, aber vor allem Koreaner. Da man sich mit denen generell besser auf Japanisch unterhalten kann als auf Englisch, denke ich, dass ich vor allem in diesem Semester viel Gelegenheit zum Japanisch-Üben habe.
Heute (Sonntag, 8.5.) hat mich der Lärm draußen auf dem Flur gegen halb zwölf aus dem Bett gerissen, was im Vergleich zur gesamten letzten Woche ja eine fast schon vernünftige Uhrzeit war. Neben dem längst fälligen Einkauf im Supermarkt habe ich auch endlich meine letzten paar Sachen und den kleinen Koffer im Schrank verstaut, meinen Stundenplan für die nächsten beiden Semester aufgestellt und gesaugt. Oder ich wollte saugen, musste dann allerdings feststellen, dass dieses laue Lüftchen, das der Staubsauger erzeugt, im besten Fall noch eine Fussel im Bad aufsaugen kann, aber für den Teppich in meinem Zimmer gänzlich ungeeignet ist. Jetzt muss ich erst mal sehen, ob irgendwo noch ein anderer Staubsauger herumsteht, der nach Möglichkeit besser funktioniert als der für meine Etage.
Morgen beginnt dann die erste richtige Unterrichtswoche, in der ich mir erst einmal so viele Seminare wie möglich ansehen möchte, um mich dann für die endgültige Stundenplanaufstellung zu entscheiden. Die Kursanmeldung muss erst am Freitag abgegeben werden und alles, was dann angemeldet ist, kann später nicht mehr abgemeldet werden.

Zu den Erdbeben noch kurz: Bevor ich wieder in Japan angekommen war, soll es wohl fast täglich ein kleines Nachbeben in Tokyo gegeben haben, aber in den vier Tagen, die ich jetzt hier bin, habe ich noch nicht eines erlebt. Ich bin gespannt, wie lange es so ruhig bleibt. Sollte es mal wieder ein Nachbeben geben, berichte ich jedenfalls davon.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Hallo Zephyr,

hier schreibt eine Mitarbeiterin der Pressestelle der Martin-Luther-Universität.

Wir verfolgen zur Zeit einige Studenten, die in Japan ein Auslandsjahr machen und würden gerne über euch berichten. Wenn du Lust hast mitzumachen, dann melde dich doch per E-Mail bei mir.

Liebe Grüße und noch viel Spaß in Japan!

julia.franke@rektorat.uni-halle.de