Montag, 7. März 2011

Morgens halb fünf in Japan: Die Tücken des "shihatsu"

Ich habe mich inzwischen ganze 15 Monate in Japan aufgehalten und musste feststellen, dass es trotz allem immer noch Dinge gibt, die mich einfach nur überraschen. Eine dieser Überraschungen hat mir gestern fast einen Strich durch meinen (kurzzeitigen) Heimflug nach Deutschland gemacht. Aber weil sich die meisten jetzt wahrscheinlich fragen, warum ich so plötzlich wieder nach Deutschland geflogen bin, fange ich lieber damit an.
In Halle findet vom 10. bis 12.3. ein Symposium zur Medizin in der Meiji-Zeit statt. Franzis und mein Forschungsthema für die Master-Arbeit haben im weitesten Sinne mit diesem Feld zu tun, weshalb wir gebeten wurden, an diesem Symposium teilzunehmen und dort unser Forschungsvorhaben vorzustellen. Also haben wir unseren Rückflug umgebucht und sind am 6.3. wieder nach Hause geflogen.
1. Problem daran: Um den 10.3. herum beginnt eine internationale Flugausstellung (oder so ähnlich), weswegen der Flugverkehr stark eingeschränkt bzw. voll ausgebucht ist. Franzi und ich sind deshalb ja gleich nach unserer Landung in Narita zum nächstbesten British Airways-Angestellten gerannt und haben versucht, unseren Rückflug irgendwie umzubuchen. Von Narita aus war aber überhaupt nichts mehr zu machen. Selbst vor dem 5.3. waren da schon alle Plätze voll. Mit Ach und Krach haben wir dann aber einen Flug vom Haneda-Flughafen aus bekommen - der allerdings 6:25 Uhr schon starten sollte. Daraus ergab sich...
Problem Nr. 2: Der "shihatsu", auf Deutsch "erste Abfahrt des Zuges". Was Fahrpläne betrifft, ist Tokyo nämlich schlimmer als das kleinste deutsche Kuhkaff: Die Züge klappen ca. 1 Uhr Nachts ihre Bürgersteige hoch und lassen sie erst gegen 5 Uhr morgens wieder runter. Bis zum Flughafen hätten wir es also nicht mehr rechtzeitig geschafft. Die zweite Option, übernachten im Flughafenterminal, fiel auch aus, weil Haneda (genau wie Berlin Tegel übrigens) Schließzeiten hat von 0 bis 5 Uhr morgens. Was nun?
Den Plan hatten Franzi und ich dann sechs endlose Recherchestunden später: Abends mit Koffern aufbrechen und bis nach Hamamatsucho fahren, dort die Koffer in Schließfächern unterbringen, im Manga Café übernachten und 4:58 Uhr mit dem ersten Monorail-Zug direkt weiter bis zum Flughafen.
Ein Manga-Café ist übrigens kein Café, wie der Name vermuten lässt, sondern eigentlich nichts anderes als eine preiswerte Möglichkeit zum Übernachten. Franzi und ich haben für je 1500 Yen Einzelzimmer für 5 Stunden gemietet, die mit internetfähigem PC und superweichem Sessel ausgestattet waren. Wenn man sich zurückgelehnt hat, hat der Sessel sich der Position angepasst und ist fast vollständig in die Waagerechte gegangen. Sehr angenehm. Dazu konnte man sich mit Unmengen an Mangas eindecken, die draußen wie in einer Bibliothek regalweise zum Lesen bereit standen. Die Zimmer wären im Übrigen groß genug gewesen, den Koffer dort noch mit unterzustellen. Insofern war es ein bisschen schade um die umgerechnet 11 Euro, die wir den Schließfächern dann noch jeweils in den Rachen werfen mussten. Wir durften nämlich auch noch Nutzungsgebühren für 2 Tage zahlen, weil ein Tag offiziell mit der letzten Bahn um 1 Uhr morgens vorbei ist und dann der nächste Tag angerechnet wird.
Die Nacht haben Franzi und ich dann jedenfalls mit Lesen und Surfen verbracht. An Schlaf war, trotz bequemen Couch-Sessels, nicht zu denken. Dafür war die unterschwellige Aufregung in uns zu groß und die Lampe über unseren Zimmern zu hell. Und 4:30 Uhr mussten wir ja eh weiter, sind in Ruhe zum Bahnhof zurück gegangen und haben dort erst einmal festgestellt, dass man "Bürgersteige hochklappen" in Tokyo wörtlich verstehen muss. Die Bahnhofseingänge zur Metro waren zu. Alle. Wie herunter gelassene Garagentore. Problem Nr. 3.
Weil dort glücklicherweise nicht nur Metro-Züge halten, sondern auch JR-Linien, deren Eingänge nicht versperrt waren, sind Franzi und ich erst einmal dort rein gegangen in der Hoffnung, dass wir von innen evtl. bis zur Metro durchkommen könnten. Aber das stellte sich letztlich auch als unmöglich heraus. Bei der Gelegenheit konnte ich dann gleich feststellen, dass sogar japanische Angestellte muffelig sein können, denn unserer hatte sichtlich keine Lust, zwei aufgescheuchten Ausländern (wir hatten nur noch 15 min, bis unser Zug fuhr!) dreimal zu erklären, dass die Metro auf der anderen Seite lag und er dafür keinerlei Befugnis hatte und wir halt warten müssten, bis die dort kurz vor Abfahrt ihres ersten Zuges selbst die Tore öffneten. Das taten sie 10 min vor unserer Abfahrt dann auch endlich und wir sind durch den halben Bahnhof zurück zu den Ticket Gates gerannt, wo wir allerdings nur mit Hilfe eines Bahnbeamten wieder heraus kamen, weil Bahn-Karten bloß Fehlermeldungen bringen, wenn man an ein und demselben Bahnhof das Ticket Gate betritt und wieder verlassen will. Besagter Bahnhofsbeamte hatte natürlich die Ruhe weg und war erst mal irgendwo in der Nähe unterwegs, bevor er zurück gebummelt kam, um unsere Karten wieder in Ordnung zu bringen. Toll.
Noch acht Minuten. Weiter gerannt und zum nächsten Metro-Eingang rein, der gottlob auch ganz in der Nähe unserer Schließfächer lag, Koffer geholt, zurück gerannt, wieder zur JR rein und von dort aus Richtung Monorail-Bahn, mit der wir fahren wollten. Ging natürlich mal wieder nicht problemlos und das Ticket Gate piepst fröhlich seine Fehler-Meldung. Karten dem nächsten Bahnangestellten gegeben, bloß um uns sagen zu lassen, dass es was kostet, hier rein zu kommen. Hätte uns unheimlich interessiert, warum in aller Welt wir zahlen sollten, obwohl wir direkt von diesem Bahnhof kamen. Aber die fortgeschrittene Zeit ließ uns keine Nerven, um uns dann auch noch mit dem Problem auseinander zu setzen. Also Geld bezahlt, rein, Treppe hoch, Zug erwischt und losgefahren. Drei Kreuze.
Hätte man meinen können. Aber dann wäre es ja langweilig. Also kommen wir zu Problem 4.
An der Stelle muss erwähnt werden, dass Haneda drei Terminals hat: Ein internationales sowie Terminal 1 und 2. Laut Online Check-in, den wir tags zuvor noch im Internet erledigt haben, hätten Franzi und ich ab Terminal 1 abfliegen sollen. Da wir beide diese Info gesehen haben, gehen wir jetzt einfach davon aus, dass das auch wirklich da stand. Was uns bei der Fahrt selbst schon komisch vorkam, weil unter der Haltestelle "Internationales Terminal" die Bemerkung "alle internationalen Flüge" stand und sowohl hinter Terminal 1 als auch 2 nur einige nationale Airlines aufgelistet waren. Na wir sind trotzdem erst mal bis Terminal 1 weitergefahren. Stand ja so dran. Und spätestens, als wir ausgestiegen waren und dort auf die Abflugtafel gesehen hatten, wussten wir: Hier sind wir falsch. Da stand nix von "British Airways". Im ersten Moment haben wir noch überlegt, irgendwo in der Nähe einen Servicepunkt zu suchen und dort nach unserem Flug zu fragen. Wenn wir aber zum internationalen Terminal zurückfahren müssten, dann wäre in 3 Minuten unsere letzte Möglichkeit dazu, denn der Zug danach wäre höchstwahrscheinlich schon zu spät gewesen. Wir haben uns dann für "gewisses Risiko" entschieden und sind schnell wieder durchs Ticket Gate in den Zugbereich rein und noch mal zwei Bahnhöfe zurück gefahren. Was sich dort auch als die richtige Entscheidung herausgestellt hat. Dort war unser British Airways-Schalter, wir konnten unser Gepäck abgeben, sind weiter zum Kontrollschalter und weiter zum Gate, wo zu diesem Zeitpunkt bereits die meisten Passagiere das Flugzeug betreten hatten, sodass wir ohne anstellen an einer Warteschlange gleich hinterher konnten. Vom Aspekt der Wartezeitverkürzung aus gesehen war das natürlich super effektiv. Aber noch mal muss ich sowas echt nicht haben.

Falls also jemals irgendwer in die Situation gerät, morgens den ersten Zug zum Flughafen nehmen zu müssen, hier noch mal die wichtigsten Punkte:
- Manga Cafés sind die wohl preiswerteste Übernachtungsmöglichkeit, die man finden kann! Und der Koffer passt mit ins Zimmer.
- Sollte der Koffer zu groß sein und nicht mit ins Zimmer passen, schließt ihn auf GAR KEINEN FALL in einem Teil des Bahnhofs ein, der nicht zur Zuggesellschaft gehört, mit der ihr weiterfahren wollt!
- Steigt lieber mit der Masse aus dem Zug aus und verlasst euch nicht darauf, dass die Information zu eurem Flug, die ihr noch einen Tag vorher im Internet gelesen habt, richtig ist. Oder beißt in den sauren Apfel und nehmt euch gleich das sündhaft teure Taxi oder Hotelzimmer, wenn ihr es euch leisten könnt.

Freitag, 4. März 2011

Einleben und einarbeiten

Seit 3 Wochen bin ich nun schon in Japan und so langsam kann man wohl sagen, dass der erste Stress vorüber ist und sich sowas wie ein Alltagsleben einstellt. Ich habe alte Freunde wiedergesehen, mein Zimmer wieder in Unordnung gebracht und meine Ausländer-Registrierkarte abholen können. Aber alles der Reihe nach.

Am Montag, dem 21.2., war mein Geburtstag! Das richtige Geburtstags-Feeling blieb zwar auf einige Stunden am Abend beschränkt, als ich mit Freunden vom Doppel-Master-Kurs im Karaoke war, aber ich bin schon froh, dass das Feiern nicht ganz ausgefallen ist. Seit der Grundschule lag mein Geburtstag immer mitten in den Ferien, sodass ich bisher nie das Problem hatte, nicht an meinem Geburtstag feiern zu können. Durch den Zusatz-Unterricht war das jetzt erstmals anders. Hinzu kommt, dass ich mit Franzi am Nachmittag noch zum Ausländeramt nach Shinagawa fahren musste, weil wir ja eine Wiedereinreisegenehmigung nach Japan brauchten. Auf dem Amt war es so gerammelt voll, dass wir während der Wartezeit sämtliche Hausaufgaben für den nächsten Tag auch noch fertig bekommen haben. Aber wenigstens hatten wir am Ende diesen Aufkleber für unseren Pass.
Am Donnerstag, 24.2., hatte ich zum Glück ebenfalls nur bis 13 Uhr Unterricht, sodass ich danach noch nach Yotsuya fahren und mich zum Mittagessen mit einem Freund vom Karate-Zirkel treffen konnte. Wir wollten eigentlich auf der Terrasse von der Mensa der Sophia-Uni essen gehen, aber das fiel dann gleich aus zweierlei Gründen aus: Erstens hatte es geregnet und zweitens hat die Mensa in den Ferien verkürzte Öffnungszeiten und war schon geschlossen. Na ja, dafür kenne ich jetzt noch ein leckeres kleines Restaurant in der Nähe der Uni. Und ich war echt froh, meine alte Uni endlich mal wiedersehen zu können. Da hat mich so die Nostalgie gepackt...
Freitagabend, am 25.2., bin ich halb privat, halb aus Pflichtgefühl abends wieder weg gewesen. Die in Tokyo ansässigen Studienstiftler und Alumni organisieren gelegentlich einen Stammtisch, von dem ich einige Tage vorher gerade erfahren hatten. Bei dem Stammtisch sollte auch gleich die Planung für das Ostasientreffen in Tokyo, welches die Studienstiftung jährlich organisiert, besprochen werden. Lena, eine Freundin aus meinem Studiengang, ist auch gleich mitgekommen. Die Location war allerdings so extrem laut, dass man selbst beim Schreien seinen Platznachbarn kaum verstanden hat, sodass großangelegte Unterhaltungen gleich ganz ausgefallen sind. Dafür konnte man sich gut mit den Leuten in der Nähe unterhalten. Lena und ich schienen zwar mit etwas Abstand die Jüngsten in der Runde zu sein, aber die Leute waren alle echt sympathisch. Da wird das Ostasientreffen im Juni sicher wieder lustig.
Samstagabend, 26.2., war mein persönlicher Höhepunkt der Woche: Gasshuku-Treffen! Franzi und ich hatten vor 3 bzw. 2 Jahren jeweils an einem 5-tägigen Sprachlager für deutschlernende Japaner teilgenommen und mit den Leuten, mit denen wir uns damals angefreundet haben, haben wir über die Jahre mit den meisten Kontakt gehalten. Fünf Tage gemeinsam arbeiten, essen, feiern, baden, reisen und schlafen schweißt unglaublich zusammen. Aki, eine Freundin von damals, hatte am 23.2., also kurz nach mir, Geburtstag und ihre Geburtstagsfeier stand schon länger auf dem Plan. Mio, die bis dahin als Einzige wusste, dass Franzi und ich wieder in Japan sind, hat uns kurzerhand mit eingeladen und so waren wir die Überraschungsgäste des Abends. Leider habe ich keine Fotos gemacht, aber in Franzis Blog findet ihr welche, falls jemand Interesse hat. Yasu ist für das Treffen sogar extra aus Osaka hergefahren! Und Tekkan ist inzwischen verheiratet, aber leider viel zu japanisch, als dass er uns viel über seine Frau und sein Leben jetzt erzählt hätte. Schade!
Am Dienstag, den 1.3., stand der nächste Geburtstag auf dem Programm. Jacqueline, die Jüngste aus unserem Master-Programm, ist 23 Jahre alt geworden. Sie wohnt leider als Einzige in einer ganz anderen Richtung als der Rest von uns und konnte sich bis jetzt auch noch keine Monatskarte kaufen, weil sie nächste Woche sowieso noch mal umziehen muss (die japanischen "Monatskarten" sind eigentlich eher Rabattkarten für die Strecke zwischen Schule/Uni/Arbeit und dem eigenen Zuhause. Dafür zahlt man monatlich einen Festpreis und kann dann beliebig oft kostenlos fahren). Jedenfalls konnten wir ihren Geburtstag dadurch leider gar nicht feiern. Aber über das Geschenk und die Karte hat sie sich trotzdem gefreut. Abends haben Franzi und ich uns noch mit Alex getroffen, einer Freundin aus Halle, die gerade mit dem Kurzstipendium für ca. einen Monat lang in Japan ist. Waren lecker beim Inder in der Nähe der Uni essen und dann im Karaoke. Die Abendpreise sind leider deutlich höher als die Nachmittagspreise, aber wir waren in einem ziemlich kleinem Karaoke, das keiner der größeren Ketten angehört, und da bezahlt man als Student nur die Hälfte.
Heute, am Freitag, den 4.3., hatten wir nachmittags eine Bibliotheksführung am Mita-Campus. Genau genommen sind da gleich drei Bibliotheken, alle mehrstöckig und mit je unterschiedlichen Themenschwerpunkten. Daneben gibt es noch 5 weitere Campus (klingt bescheuert, ist aber laut Duden die offizielle Mehrzahl von dem Wort) von der Keio-Universität, sodass es sicher kein Problem sein sollte, Werke für das Forschungsthema aufzutreiben. Und zur Not gibt es noch zig weitere Unis in Tokyo und Datenbanken im Internet und und und. Auf dem Heimweg habe ich, dank des schönen Wetters, heute erstmals einen Blick auf den Fuji-san ergattern können. Bisher hat er sich immer hinter Regenwolken oder Dunst versteckt. Oder ich hatte das grandiose Glück, dass gerade in der halben Minute, in der man ihn vom Zug aus hätte sehen können, ein anderer Zug parallel zu meinem fuhr und einem jegliche Sichtmöglichkeit genommen hat. Die Heimfahrt insgesamt wurde dann auch noch um zwei weitere Haltestellen verlängert und ich bin erst in Ôkurayama ausgestiegen. Heute morgen war mir siedend heiß eingefallen, dass ich seit Diesem Mittwoch meine Ausländer-Registrierkarte vom Bezirksbüro abholen konnte. Bis nächste Woche hätte ich theoretisch noch Zeit gehabt damit, aber da ich übermorgen ja schon nach Hause fliege, fällt das leider aus.

Alle anderen Teile der letzten zwei Wochen, von denen ich jetzt nicht berichtet habe, verliefen unspektakulär. Aber den Hauptteil des Japan-Aufenthalts nimmt jetzt halt doch das Studium ein. Der Stundenplan steht jetzt auch soweit und ich hatte diese Woche Montag, Mittwoch und Freitag von 10 bis 13:15 Uhr und Dienstag und Donnerstag bis 17 Uhr Unterricht. Die zwei Nachmittags-Veranstaltungen dienen Hauptsächlich dem Vorankommen mit dem Forschungsprojekt für die Master-Arbeit. Hinzu kommen dann noch täglich ein paar Grammatik- und Textverständnis-Aufgaben für den Japanisch-Unterricht sowie die Korrektur der fehlerhaften Sätze vom Vortag. Und ein wenig Vokabeln wiederholen natürlich. Wenn dann noch Zeit ist, müssen die Texte fürs Forschungsthema Stück für Stück weiter gelesen und exzerpiert werden. Viel Freizeit bleibt dann halt nicht übrig und gegen Ende der Woche kriecht man eher in die Uni als dass man läuft. Aber es ist trotzdem weniger anstrengend als das letzte Semester in Halle und das ist auch was wert.