Montag, 22. Februar 2010

"Sensei! Sensei!"

Heute war also mein erster Praktikumstag im Kindergarten. Meine bisherigen Erfahrungen mit so kleinen Kindern waren - wenn auch von der Menge her verdammt wenig - bisher eher so, dass die Kleinen eine ganze Weile brauchen, bis sie Fremden gegenüber auftauen. Dementsprechend bin ich heute eigentlich auch mit der Erwartung hingekommen, den ganzen Tag mehr oder minder nur aus dem Abseits zugucken zu können und mit einer Mischung aus Angst und Neugier beobachtet zu werden.

Herr Shimada hat mir zuerst den Kindergarten gezeigt und mir die Erzieher, soweit sie schon da waren, kurz vorgestellt. Dann hat mir eine der Erzieherinnen die einzelnen Räume gezeigt, wo überall zumindest schon ein paar Knirpse waren. Die meisten kamen erst etwas später mit dem Kindergarten-Bus oder wurden dann von ihren Müttern gebracht.
Die Klassen sind dem Alter nach eingeteilt und dementsprechend unterscheidet sich die grundlegende Atmosphäre auch ziemlich. Ich war heute bei der "Löwen-Gruppe", das ist eine mit den 6-Jährigen (von dreien, glaube ich). Anfang März haben sie ihre Abschiedszeremonie vom Kindergarten und dafür wird im Moment schon fleißig geübt.
Zuerst waren von der ganzen Gruppe nur drei, vier Mädchen da. Die haben sich erst mal individuell beschäftigt und Stifte und Malblock rausgeholt. Ich hab mich ein wenig dazugesetzt und ihnen das Zeichen-Spiel mit dem Falten erklärt, wo vier Leute jeweils Kopf, Oberkörper, Oberschenkel und Unterschenkel/Füße von irgendwas zeichnen, wobei die anderen jeweils nicht sehen dürfen, was einer gerade malt. War ganz lustig, was am Ende dabei rausgekommen ist. Und wenig später war die Gruppe auch schon so gut wie vollzählig.
Bis dahin sind sie auch schon erstaunlich aufgetaut. Als wir zum Spielen rausgegangen sind, hatten bereits zwei der Kleinen meine Hände in Beschlag genommen *lach*. Und draußen wollten sie dann Hasche spielen. So süß, wie sie sind, konnte ich es ihnen einfach nicht abschlagen, allerdings war ich dadurch auch dauernd mit dem Fangen dran. Und die sind schnell. Das glaubt man gar nicht... *ächtz* Na ja, irgendwann bin ich dazu übergegangen, einfach schnell zurückzutippen, wenn wieder jemand ankam. Das hat dann der ganze Rest allerdings übernommen, sich im Kreis um mich positioniert und von allen Seiten angetippt, wenn ich mich grad nicht in ihre Richtung gedreht habe. Na ja, zumindest nicht mehr rennen... Also Sport hab ich die Woche über sicher genug.

Drinnen wurden dann die gesammelten Werke des letzten Jahres wieder ausgeteilt, weil die Gruppe ja bald in die Schule kommt und nun so langsam alles mit nach Hause nehmen muss. Wirklich süß, was sie so alles gemalt und gebastelt haben. Hat mich sehr an meine Zeit im Kindergarten erinnert. Auch gesungen haben sie viel, die Erzieherin meiner Gruppe hat dabei immer Piano gespielt (es steht in so ziemlich jedem Raum eins, glaube ich). Dann haben wir alle gemeinsam Mittag gegessen, wobei sogar das Aufräumen im Anschluss absolut reibungslos verlief. Ich war richtig erstaunt, dass man den Kindern einfach nur einmal was sagen musste und schon haben sie es gemacht. Nicht nur beim Essen. Auch später, als sie ihre Spielsachen wieder wegräumen sollten.
Auch mit dem Lesen und Schreiben sind die meisten aus dieser Klasse schon ziemlich weit. Die Erzieherin meinte, im Kindergarten lernen sie das nicht direkt, aber viele Eltern bringen ihren Kindern zu Hause schon die Silbenalphabete bei. Schreiben können sie die Zeichen zum Teil auch schon.

Was sie übrigens auch unheimlich mögen ist Einrad-Fahren. Damit fangen zum Teil die Dreijährigen schon an und die Sechsjährigen aus meiner Gruppe haben sich einfach nur an einem Pfosten hochgezogen und sind dann losgeradelt. Quer über den Hof. Ich hab es auch mal kurz versucht, weil sie mich drum gebeten haben, mitzufahren, aber das ist ja dermaßen wackelig, dass ich von dem Ding ganz schnell wieder runter bin.
Zu dem Zeitpunkt hingen beim Herumlaufen dann auch schon fünf Knirpse an meinen Armen. Total niedlich! Beim Spielen war das ein wenig schwierig, weil niemand von seinem Einrad runter wollte, aber loslassen kam auch nicht infrage. Insofern HINGEN sie im wahrsten Sinne des Wortes *lach*. Also falls ich die nächsten Tage Muskelkater hab, weiß ich, wovon. Einzeln sind die Kleinen echte Fliegengewichte, aber bei der Menge...
Und sie kommen immer wieder angerannt, rufen "Sensei! Sensei!" und wollen spielen oder mir irgendwas Tolles berichten oder zeigen ^^. Das eine Mädchen hat winzige Muscheln am Strand gefunden, ein anderes hat aus Lehm beim Spielplatz einen Hasen-Kopf geformt. Man könnte sie die ganze Zeit knuddeln. Und eigentlich tut man eh nix anderes, denn sie hängen sowieso dauernd an einem dran. (Ob ich eins mitnehmen kann, bevor ich gehe...?)
Ach ja, für die, die das Wort "Sensei" noch nicht kennen: Das ist die übliche Anrede für Lehrer (an der Schule) oder Dozenten (Uni) und hat im Kindergarten demnach eine ähnliche Nuance. Ich bin praktisch direkt in den Rang einer Erzieherin erhoben worden ^^u. Gleich früh am Morgen habt mich die Erzieherin meiner Gruppe auch als "Nancy-sensei" vorgestellt. Das erste Mal so genannt zu werden, klingt schon erstaunlich. Ich denke, ich brauch noch eine Weile, bis ich mich daran gewöhnt habe, denn es klingt einfach so viel Respekt in dieser Anredeform mit, die ich als noch nicht mal fertig studierter Student so gar nicht verdient habe.

Gegen 14 Uhr sind die meisten mit dem Bus wieder nach Hause gebracht wurden. Ein Teil blieb noch da und hatte Englisch-Unterricht. Der Lehrer (Taro) ist auch Japaner, ist aber in Amerika aufgewachsen und spricht daher als Muttersprache Englisch. Meine Erzieherin hat mir erzählt, dass er vor ca. acht Jahren nach Izuka-shi gekommen ist und damals auch noch nicht viel Japanisch gesprochen hat.
Ich hab ihn bei Gelegenheit mal gefragt, ob ich mir seinen Unterricht ein bisschen mit ansehen kann, weil es mich wirklich interessiert hat, wie er es anstellt, so kleinen Kindern was zu vermitteln (die beherrschen ja wirklich schon so einige Wörter und Wendungen!) und sie dabei auch so riesigen Spaß an der Sprache haben lässt. Wirklich, alle meinten, sie finden Englisch toll, als ich sie gefragt hab.
Jedenfalls meinte er aber erst mal, das mit dem Zusehen wäre schwierig. Die anderen Erzieher haben mir dann erzählt, dass bisher noch niemand bei seinem Unterricht zugesehen hat, nicht mal die Eltern der Kinder. Er ist wohl unglaublich schüchtern und es bringt ihn total aus dem Konzept, wenn ein Fremder mit dabei ist. (also doch typisch japanisch irgendwie ^^)
Daher war ich umso erstaunter, als eine der Erzieherinnen plötzlich mit ins Zimmer kam und meinte, dass ich mich die letzten 15 Minuten mit reinsetzen und zusehen darf. Wow. PREMIERE! Ich hab mich total geehrt gefühlt. Und wirklich, sein Unterrichtsstil ist klasse. Alle Wörter, Wendungen, Grammatik usw. ist völlig in Spiele integriert. Er führt sehr viel vor, mit Mimik und Gestik, spielt gemeinsam mit den Kindern verschiedene Tätigkeiten nach und bringt sie damit natürlich alle zum Lachen. War ein wunderbarer Anblick. Wie ein Vater, der mit seinem kleinen Kind rumalbert. Wirklich kein Wunder, dass die Kinder Englisch so toll finden und auch Taro-sensei unheimlich lieb haben.

Ein paar deutsche Wörter habe ich auch zwischendurch mit ihnen geübt. Guten Morgen, guten Tag, guten Appetit, zählen bis 10... Sie haben immer mal wieder gefragt, was das ein oder andere auf Deutsch heißt, ich hab es ein, zweimal vorgesprochen und sie haben versucht, es nachzusprechen. Als ich mich am Nachmittag mal vor der ganzen Gruppe vorstellen sollte, wollten sie wissen, was "Dankeschön" heißt. Einige haben es mir sogar noch mal nachgerufen, als das ganze Mittags-Programm vorbei war und ich wieder ins Lehrerzimmer gegangen bin. Wirklich süß ^^.
Und bei den Kleinen merkt man deutlich, wie genau ihr Gehör noch ist, was die ganzen kleinen sprachlichen Nuancen angeht. Erwachsene brauchen bisweilen Jahre, um Wörter in einer Fremdsprache so gut auszusprechen, wie die Kleinen das auf Anhieb geschafft haben. Ihr Englisch wird später sicher mal verdammt gut. Und ich bin gespannt, ob bis morgen noch ein bisschen was von dem Deutsch hängen geblieben ist. ^^

Kommentare:

Erik hat gesagt…

"...Das hat dann der ganze Rest allerdings übernommen, sich im Kreis um mich positioniert und von allen Seiten angetippt..."

Haha! Die kleinen können sich ja richtig organisieren. Knuffig xD


Man spürt förmlich deine Begeisterung für die Kleinen. Hast dir ja fix neue Freunde gemacht. ^^

LG Erik

xfranczeskax hat gesagt…

Nur ein Wort: neidisch! *-*