Donnerstag, 6. November 2008

Die abenteuerliche Nachtwanderung durch Kohinata

Kleine Erklärung: Kohinata ist der Name des Ortes, wo meine Gastfamilie wohnt.
Und warum ich gestern dort eine Nachtwanderung gemacht habe? Tja, dreimal dürft ihr raten... Hab mich verlaufen XD. Aber total. Und das nachts halb zwölf, wo in so 'ner typisch japanischen Wohnsiedlung keine Menschenseele mehr auf der Straße ist (außer ein paar Radfahrer, die zu schnell sind, um sie anzusprechen und nach dem Weg zu fragen). Also wurde aus einem vermeintlich 7-minütigen Heimweg ein 50-minütiger Heimweg.

Wie ich das nach über einem Monat erst geschafft habe? Ganz einfach: Ich hatte mein zweites Volleyballtraining in Shinkiba. Wenn ich dort in die Fukutoshin-Linie einsteige, kann ich rein theoretisch bis zu mir nach Hause fahren, ohne umsteigen zu müssen, komme allerdings nicht an meinem üblichen Bahnhof (Myogadani-Bahnhof), sondern einem anderen (Edogawabashi-Bahnhof) an, der in einer ganz anderen Richtung liegt. Das sowie die Route, die ich von da aus einschlagen muss, um nach Hause zu kommen, hat mir meine Gastmutter nach meinem ersten Training in Shinkiba erklärt, also wollte ich es jetzt mal ausprobieren.
Die ersten paar Meter gingen auch noch gut, aber danach muss ich den Hügel verpasst haben, an dem ich rechts hätte abbiegen sollen, hab dann irgendwann Leute angesprochen und nach dem Weg gefragt, sodass ich dann wenigstens die richtige Richtung einschlagen konnte. Danach hatte ich auch Glück und bin an einem Stadtplan vorbei gekommen, von denen es in Tokyo zum Glück echt viele gibt. Bis zum nächsten Stadtplan stimmte meine eingeschlagene Route auch, aber da fing dann das eigentliche Problem an. Laut Karte war ich nur noch zwei oder drei Blocks von meiner Gegend entfernt, aber die Straßen waren dort alle so klein und verwinkelt, dass man augenblicklich die Orientierung verlaufen hat, wenn man erst mal irgendwo eingebogen ist. (Für ortskundige Hallenser: Das Paulusviertel ist dagegen richtig übersichtlich!)
So stand ich nach zehn Minuten plötzlich wieder vor dem Schild, obwohl ich nicht das Gefühl hatte, im Kreis gelaufen zu sein... Na ja, Runde noch mal von vorn, diesmal einen anderen Weg eingeschlagen - und - nach zehn Minuten wieder vor dem dämlichen Schild gelandet! Inzwischen war es kurz vor zwölf, ich war immer noch mutterseelenallein und hatte langsam echt keine Lust mehr -_-. Zum Glück bin ich dann aber endlich einer Frau begegnet, die um diese Zeit noch unterwegs war, und hab sie nach dem Weg zu der Uni gefragt, die ganz bei mir in der Nähe ist. Wie sich herausgestellt hat, war die auch nur eine Straße weiter (...) und von da an bin ich auch endlich zurück gekommen.
Beim nächsten Mal werde ich entweder wieder den Umweg über Ikebukuro bis Myogadani in Kauf nehmen oder vorher die Strecke mit meiner Gastmutter zusammen ablaufen.

Von der Nachtwanderung mal abgesehen gibt es aber auch interessantere Dinge zu berichten über die letzten Tage. Zum einen habe ich jetzt endlich meine Arbeitsgenehmigung und kann mir nun einen Nebenjob suchen. Das heißt dann zwar, dass der letzte Rest Freizeit auch noch flöten geht, aber ohne geht einfach nicht. Selbst wenn ich versuche zu sparen (und das hab ich letzten Monat), komme ich gefährlich nah an mein Geldlimit ran oder sogar darüber. Ich will ja nicht leben wie die Made im Speck, aber ein ganzes Jahr mit dem Geld knausern ist dann auch nicht so das, was ich mir unter einem Auslandsaufenthalt vorgestellt habe.
Samstag war ich mit Katrin und Tina auf dem Sophia-Festival, aber verglichen mit dem SFC-Fest vor ein paar Wochen war es relativ unspektakulär. Das Waseda-Festival soll dagegen ja (laut Aussage von Tina und Katrin) wirklich toll gewesen sein. Schade...zur falschen Zeit am falschen Ort :(. Dafür war Kiyohiko am Samstag mit dabei und mit ihm ist es immer lustig ^^. Franzi und ich haben ihn im Winter kennen gelernt, als wir das erste Mal in Japan waren. Er spricht sehr gut Deutsch und versteht vor allem auch sehr viel, sodass man mit ihm auch gut auf Deutsch über andere Japaner lästern kann *g*. Ich erinnere mich da nur an das Mädel mit den Stöckelbeinen. Die waren SO dünn... Das sah echt gefährlich aus. Da hätte ich mit einer Hand rumfassen können! Und das ist jetzt nicht übertrieben.

Samstagabend habe ich dann noch eine ziemlich interessante Sache erfahren (davon wollte ich längst erzählen, hab es aber einfach noch nicht geschafft). Ich weiß nicht mehr, wie wir darauf gekommen sind, aber die Jungs haben mir nach dem Ninjutsu-Training erklärt, warum Ochanomizu (Stadtteil in Tokyo, wörtlich: "Teewasser") Ochanomizu heißt. Das hat tatsächlich was mit Tee zu tun. Zur Tokugawa-Zeit (Anfang 17. bis Anfang 19. Jhd.) gab es an diesem Ort eine Quelle, aus der man sehr gutes Wasser gewinnen konnte, welches zur Zubereitung von sehr gutem Tee verwendet wurde (z.B. für den Shogun). Deshalb also "Teewasser".

Vor ein paar Tagen hat die Bedeutung des Begriffs "Rush Hour" bei mir auch eine ganz neue Bedeutung bekommen. Ich dachte eigentlich, dass ich längst weiß, was eine "überfüllte Bahn" ist. Wenn man links, rechts und meist auch vorn und hinten ständig gegen Leute aneckt und daher nicht mal Platz hat, ein Buch zu halten (was die Japaner aber trotzdem irgendwie immer schaffen). Die RICHTIGE Rush Hour sieht allerdings so aus, dass man sein Buch doch halten kann (man muss sich bloß überwinden, weniger Rücksicht auf andere zu nehmen und versuchen, denen das Buch irgendwie in den Rücken zu drücken, damit man zumindest nicht direkt mit der Nase darin klebt. Und wenn man - mal wieder - erst früh morgens anfängt für den Kanji-Test in einer halben Stunde zu lernen, dann tut man die Rücksicht halt ab und an beiseite). Und man muss sich nirgends mehr festhalten, denn hinter und neben einem stehen die Leute wirklich SO dicht, dass man sich ein wenig wie im Schraubstock fühlt und selbst beim Anfahren und Bremsen der Bahn nicht mehr umfallen kann, sondern nur noch ein klein wenig schwankt (OHNE festhalten, wie gesagt). Dabei stand ich noch nicht einmal gerade, meine Füße waren irgendwo weiter vorn und haben auf meinen Rucksack aufgepasst, wo mein Oberkörper schon keinen Platz mehr hatte...
Als einmalige Erfahrung ist sowas recht interessant, aber dauerhaft muss ich es dann auch nicht haben. Man schwitzt auch so schon jeden Morgen allein vom Rumstehen, selbst wenn es nicht ganz so extrem voll ist.
Aber ein wenig seltsam finde ich es schon. Normalerweise berühren Japaner sich kaum, selbst wenn sie sich kennen. Unter Freunden ist es z.B. eher üblich, zur Begrüßung und zum Abschied einander zuzuwinken, als z.B. eine Umarmung, wie bei uns. Und auch sonst weicht man sich natürlich aus, wenn es möglich ist. Aber in der U-Bahn (im Fahrstuhl übrigens auch) werden diese Grenzen gänzlich abgelegt, jeder bleibt für sich anonym und alles, aber man klebt förmlich aneinander. Gut, es lohnt sich meist nicht, auf die nächste Bahn zu warten, denn die ist genauso voll wie die letzte, aber trotzdem...

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