Freitag, 24. Oktober 2008

Gastfamilie

Super einfallsreicher Titel, ich weiß, aber berücksichtigt bitte, dass es kurz vor elf (nachts) ist und ich fünf Tage Uni hinter mir hab (incl. 2 Grammatik-Tests! Wir rasen wirklich durch das Buch durch...)

Aber zum Thema: Ich weiß nicht, ob ich schon einmal alle Familienmitglieder aufgezählt habe, aber der Vollständigkeit halber und zur Erinnerung werde ich euch kurz alle vorstellen.
Ältestes Familienmitglied ist mein Gastvater, 73 Jahre (seit gestern; näheres zum Geburtstag kommt später), in seiner Jugend Student an der Keio-Uni gewesen (da, wo Franzi derzeit ihr Auslandsstudium macht), liebt Bücher, liest täglich Zeitung, kennt sehr viele alte Filme (auch europäische), verfolgt Entwicklungen an der Börse... Kurzum: Er ist geistig noch verdammt fit und hat ein unglaubliches Wissen! Man kann ihn fragen, was man will, er weiß wirklich über alles was zu sagen. Und über das meiste kann er sogar ziemlich viel erzählen. Problematisch ist es nur, das, was er sagt, auch zu verstehen. Die Aussprache von meinem Gastvater ist nämlich wirklich verdammt unverständlich (für mich, für Japaner natürlich nicht). Ich glaube, ich hatte das kurz erwähnt, als ich gerade hier angekommen war und meine Gastmutter mich ihm vorgestellt hat. Obwohl ich genau wusste, dass er, nachdem wir unsere Namen genannt haben, "yoroshiku" (ungefähr: Freut mich, dich kennen zu lernen) sagen wird, hab ich es nicht verstanden. Nicht ein Stück. Zu dem Zeitpunkt war ich mir sicher, ich würde nach einem Jahr nach Hause zurückkehren und könnte alle anderen Japaner bis dahin eventuell weitestgehend verstehen, ihn aber immer noch kein Stück. In letzter Zeit werde ich aber langsam etwas optimistischer. Inzwischen gelingt es mir immer mal, ein Wort zu verstehen, von dem, was er sagt (auch wenn meine Gastmutter mir inhaltlich nach wie vor das meiste noch mal erklären muss). Es geht also aufwärts :D!

Meine Gastmutter ist 65 Jahre alt (oder 66? Bin mir nicht ganz sicher. Wird jedenfalls am 11.11. ein Jahr älter. Vom Geburtstag mal abgesehen, ist auch ihr Geburtsjahr sehr interessant, denn das war Heisei 11 (bitte nicht fragen, was das in europäischer Rechnung heißt. Ich mag jetzt nicht nach 'ner Zeittafel suchen...). Als sie mich am Tag meiner Ankunft vom Bahnhof abgeholt hat und ich sie dort das erste Mal gesehen habe, war ich ziemlich erstaunt, dass sie sowohl geistig als auch äußerlich wesentlich jünger wirkt. Sie ist z.B. sehr tolerant, was meine Interessen und damit auch Schlafenszeiten, Aufstehzeiten, Heimkehr etc. angeht. Wenn ich Samstags erst zwischen 22:00 und 23:00 Uhr vom Sport zurück komme, ist das okay. Wenn ich am WE ausschlafe und erst nach zehn zum Frühstück erscheine, ist das auch okay. Und solange ich nach Möglichkeit bescheid sage, wenn ich spontan mal länger unterwegs bin nach der Uni (also so lange, dass sie mit dem Essen auf mich warten müsste), gibt es da auch keine Probleme. So viele Freiheiten sind bei weitem nicht in jeder Gastfamilie (vor allem in Japan) Standard, soweit ich gehört habe, also kann ich mich echt glücklich schätzen, dass ich es so gut erwischt habe. Aber gut, ich bin auch der achte oder neunte Austauschstudent, der hier wohnt, da ist meine Gastfamilie sicher schon einiges gewöhnt.
Das Essen, das meine Gastmutter so kocht, ist im Übrigen auch sehr interessant. Obwohl meine Gasteltern ja einer Generation angehören, die im Allgemeinen außer dem traditionell japanischen Essen (Reis+Fisch+kleine Beilage+Misosuppe) so ziemlich alles Neue verschmäht, mögen die beiden internationale Gerichte sehr gern. Dementsprechend oft wird auch mit Messer und Gabel gegessen, wenn es z.B. grad Pasta oder so 'ne Art Krautrouladen oder was auch immer gibt, wo sich Stäbchen halt nicht anbieten.
Die Stäbchen sind im Übrigen auch so eine Sache. Wer meint, er könne sie benutzen, nur weil er Sushi-Rollen halten und evtl. noch Reis oder Nudeln damit aufheben kann, der irrt. Die hohe Kunst des Mit-Stäbchen-Essens beginnt beim Halten von so weichen, rutschigen und zerbrechlichen Sachen wie Tofu oder gekochtem Ei und beim Zerteilen eben genannter und ähnlicher Dinge (versuch mal, mit Stäbchen ein Stück Fisch aus dem langen Streifen herauszutrennen, der noch an seiner Fischhaut hängt). Kurzum: Ich hab noch einen weiten Weg vor mir...

Aber weiter zur Familie: Rieko (gesprochen: RI-eko) ist 35, eine der beiden Töchter meiner Gasteltern, und wohnt mit ihrem Ehemann (Yoichiro, 36) und ihrem ca. 9 Monate alten Sohn Shotaro ebenfalls hier im Haus. Das hat übrigens zwei Etagen, wobei Bad, Küche, Wohnzimmer, Gästezimmer und eine Toilette im Erdgeschoss, zwei Schlafzimmer, noch zwei Toiletten, das Arbeitszimmer von Yoichiro und noch zwei Zimmer in der ersten Etage sind. Im Kellergeschoss ist übrigens noch ein Schlafzimmer, wo mein Gastvater schläft und auch seine DVD/Video-Sammlung hat. Es gibt praktisch zwei getrennte Wohnbereiche, obere und untere Etage, und Rieko plus Familie sieht man unten relativ selten, weil sie sich die meiste Zeit oben in ihren Räumen aufhalten. Yoichiro ist tagsüber außerdem arbeiten. Mit den beiden habe ich bisher dadurch auch nur wenig reden können, aber die beiden sind auch sehr lieb. Manchmal, so wie gestern beim Geburtstag meines Gastvaters, kann ich dann auch sehen, wie Yoichiro mit dem Kleinen spielt, was wirklich unheimlich niedlich ist.
Shotaro, also der Kleine, weiß wohl noch nicht so ganz, was er von mir halten soll. Manchmal guckt er mich ganz groß und neugierig an, aber dann, von einer Sekunde auf die nächste, dreht er sich wieder weg und versteckt sich bei seinen Eltern oder Großeltern (je nachdem, wer ihn grad auf dem Arm hat) und scheint jeden Moment anzufangen zu weinen. Mal sehen, wann er sich an mich gewöhnt hat ^^.

Schön finde ich auch immer wieder, dass ich mich so viel mit meiner Gastmutter unterhalten kann. Vor allem beim und nach dem Abendessen reden wir sehr viel. Manchmal auch nachmittags, wenn ich von der Uni nach Hause komme und mich noch mal ein bisschen unten mit hinsetze. Dann trinken wir zusammen Tee und reden ein bisschen. Die Themen sind dabei auch ziemlich vielseitig. Vom japanischen und deutschen Schulsystem über Sternzeichen, Familie, Freunde, Erlebnisse (sowohl meine als auch verschiedenes von der Gastmutter, z.B. über frühere Austauschstudenten), Arbeitsmarkt, Wetter, Wetter, Wetter (=japanisches Standartthema, was eigentlich immer angesprochen wird, wenn man sich grad sieht, oft auch, wenn man Mails schreibt oder ähnliches), Uni, Globalisierung, Technik, Essen, Religion... Ja, so irgendwie klappt inzwischen eigentlich alles =). Und wenn Zeit ist und ich grad in Redelaune bin, dann schaffen wir locker schon mal eine Stunde, ohne dass einem die Themen ausgehen oder man mit den Wörtern so sehr in Bedrängnis kommt, dass man nicht mehr weiter erzählen kann. Verglichen mit Februar, wo ich das erste Mal hier war, ist das echt eine enorme Steigerung, die mich ziemlich erstaunt. Das ist nur ein Semester her und trotzdem war ich damals nicht mal in der Lage, einigermaßen über meine Hobbies zu erzählen! Klar, es gibt immer noch genügend Dinge, die ich nicht ganz verstehe und bisweilen verstehe ich auch was falsch, aber mit ein bisschen Wörterbuch und Erklärungen geht es eigentlich ziemlich gut.

Noch mal kurz zum Geburtstag: Tagsüber war eigentlich gar nicht so viel los. Ich hatte mich nach der Uni ausnahmsweise wirklich beeilt, weil ich wenigstens an so einem Tag frühzeitig und lange zu Hause sein wollte, aber als ich dann da war, war es ganz still. Jeder hat irgendwo geschlafen *lach*. Na ja, hab dann halt schon mal die Hausaufgaben gemacht.
Dafür saßen wir abends sehr lange beisammen, was dann die eigentlich (kleine) Feier war. Vor dem Essen hat Yoichiro versucht, ein Bild von uns allen zu machen. Ging an sich auch, aber Shotaro ist natürlich noch zu klein, um zu wissen, dass er bei Fotos in die Kamera gucken soll, sodass letztlich alle Versuche gescheitert sind, wirklich alle mit Blick in die Kamera einzufangen. Eine Sekunde vorm Blitz hat Shotaro sich jedes Mal umgedreht und uns angeguckt. War wohl interessanter, uns alle zu beobachten *lach*.
Anschließend gab es ein 5-Gänge-Menü. Ich weiß nicht, ob das den klassischen Gängen entsprochen hat, aber viel und lecker war es auf alle Fälle. Zuerst gab es Melone mit Schinken, wovon ich bis dahin zwar schon mal gehört habe, probiert hatte ich es aber noch nicht. War wirklich lecker, man glaubt es kaum! Danach ging es weiter mit Knäckebrot und Käsehappen (Camembert und noch ein französischer Käse mit Blauschimmel drin), anschließend der Hauptgang, bestehend aus Pasta, danach ein Salat und zum Schluss wurde der Geburtstagskuchen angeschnitten. Vieeeeeel Sahne und Erdbeeren. Genial! Aber danach hätte ich echt platzen können. Nebenbei wurde etwas Wein (erst Weißwein, ab dem Hauptgang dann Rotwein) getrunken. Ist Jahre her, seit ich das letzte Mal welchen getrunken habe (bzw. generell mal Alkohol getrunken hab), und ich habe auch nach je einem halben Glas von beiden Weinen schon die Wirkung vom Alkohol gespürt. Ich vertrage wirklich nichts. Was ja auch einer der Gründe ist, warum ich jeglichen Alkohol normalerweise meide.
Vom Kuchen ist übrigens ein Stück übrig geblieben, das darf ich noch essen :D.

Vorgestern war im Übrigen ebenfalls ein langer Tag. Da sind Katrin und ich zum Ausländermeldeamt gefahren, weil wir von dort eine Erlaubnis brauchen, um einen Nebenjob annehmen zu dürfen. Hat sicher an die drei Stunden gedauert, bis wir dort waren, alles ausgefüllt und abgegeben hatten und ich dann endlich zu Hause war. Wenn ich daran denke, dass ich in ca. zwei Wochen wieder da hin muss, um die Genehmigung abholen zu können... ~_~
Na ja, wenigstens meine Genehmigung für erneute Einreise nach Japan hab ich jetzt. Die brauche ich nämlich unbedingt, wenn ich im Februar für ein paar Wochen nach Hause möchte, sonst verfällt der Rest meines Visums mit Verlassen des Landes und ich komme nicht wieder rein nach Japan.
Morgen kommt Katrin vorbei und wir machen uns einen schönen Tag mit Hausaufgaben, Jobsuche im Internet, faulenzen und abends gehen wir dann zum Ninjutsu. Also ich zum Trainieren und Katrin zum Zugucken.

Hm... Da habe ich meinen Blogeintrag diesmal extra eher geschrieben, aber weniger als beim letzten Mal ist es trotzdem nicht geworden. Aber dafür müsste ich das Wichtigste jetzt auch geschafft haben ^^.
Zum Schluss noch ein paar Bilder von meiner Wohngegend, dem Haus und meinem Zimmer (Rest der Wohnung habe ich noch nicht fotografiert).


Typische Straße in einer japanischen Wohnsiedlung: Wenn ein Auto vorbei kommt, heißt es: Bauch einziehen und möglichst nah an die nächste Häuserwand ran! Aber da kommt relativ selten irgendwas vorbei.


Dieser kleine Hügel ist der Endspurt zum Haus. Nachdem man den hochgekraxelt und links abgebogen ist, läuft man nur noch ein paar Meter geradeaus...


...und steht auch schon vor dem richtigen Haus. Das rosane weiter im Vordergrund ist das meiner Gastfamilie.


Kurzer Einblick ins Zimmer (inzwischen liegt schon wieder überall mein Zeug rum): Von der Tür aus leicht links sind ein Spiegel und Regal


Auf der gegenüberliegenden Seite ist mein Bett


an der Rechten Wand sind Schreibtisch (hier nur noch als Zipfel zu sehen) und der Kleiderschrank. Der übrigens ganz schön groß ist! Die oberen Fächer habe ich noch nicht mal benutzt.

Ach so, hier noch eine Großaufnahme von meinem Waschbärchi, das ich von der Sarah bei der Abschieds-Party mit den Freunden aus dem Japanisch-Kurs bekommen habe =).

1 Kommentar:

KissMeGoodBye hat gesagt…

Ich lese fleißig mit ^^
Ahhh eine Gastfamilie wär schon klasse.
Und es klingt auch total interessant, würde mich interessieren (O_o) was genau die Gastmutter so über das Leben in Japan berichtet.