Sonntag, 2. März 2008

Zwei Tage in einer japanischen Familie

Ihr ahnt sicher schon, was jetzt kommt: Ein Roman. Ein laaaaaaaaaaaanger Roman. Und die Geschichte beginnt damit, dass Ayana, ebenfalls Studentin an der Keio-Uni, mich am Freitagnachmittag in Shibuya am Bahnhof abgeholt hat und wir von dort aus gemeinsam zu ihrer Wohnung gefahren sind. Die Fahrt allein hat schon gut eine Stunde gedauert, weil sie ein Stück außerhalb von Tokyo wohnt und das ist immer ziemlich weit. Und voll. Denn leider war Rush Hour. Aber wir haben es überlebt.
Die Gegend, in der Ayana mit ihrer Familie wohnt, ist schön ruhig. Nicht weit weg vom Bahnhof (was hier ja keine Selbstverständlichkeit ist *ans eigene Wohnheim denkt*), aber dennoch nicht so laut und hektisch, wie es Tokyo selbst nunmal ist. Mit viel Grünzeug und kleinen Gärtchen vor den Häusern.
Ayanas Vater war noch nicht zu Hause, als wir angekommen sind und es sollte auch noch ein paar Stunden dauern, bis ich ihn zu Gesicht bekommen würde, denn Freitags sind oft ziemlich lange Überstunden angesagt. Aber dafür war ja ihre Mutter da und sie ist auch eine sehr, sehr liebe Frau. Klar, zuerst wurde sich vorgestellt und dann die Gastgeschenke rausgeholt und ich war total erstaunt, als die Mutter sogar für mich etwas bereit gehalten hatte: Zwei niedliche, kleinen Puppenfiguren. Nur das Bild davon ist leider nicht so toll geworden...

Zum Abendessen gab es Omuraisu, also Omelette mit Reis. Die Japaner haben eine wirklich tolle Art, ihr Ei zuzubereiten. Da esse selbst ich, die eigentlich recht selten Eier isst, gern mit! Also wirklich yummi! Und wo wir schon mal beim Essen waren, haben wir uns natürlich auch ein bisschen darüber unterhalten und festgestellt, dass ich bisher noch kein richtig japanisches Frühstück gegessen habe und auch noch kein Sukiyaki kannte. Dann noch ein bisschen Fern geguckt und später baden gewesen. Auf richtig japanische Art! Das war toll! Ayanas Mutter hat es mir zur Sicherheit lieber noch mal erklärt, denn so ganz genau wusste ich dann doch nicht, wie das läuft. Aber so schwer ist es ja nun auch nicht ^^. So ein japanisches Bad besteht ja aus Wanne und separatem Waschbereich. Toilette ist da gar nicht mit drin, die hat ein Zimmer für sich. Jedenfalls wäscht man sich erst mit einer Schüssel Wasser in dem Waschbereich und wenn man dann schon sauber ist, steigt man in die heiße Wanne (was im ersten Moment ganz schön schmerzhaft ist, aber dann sehr angenehm wird) und entspannt dort ein Weilchen. Bis man eben wieder raus geht und sich abtrocknet.
Nach dem Duschen war es so ca. 23:00 Uhr und nun kam auch Ayakos Vater nach Hause. Es ist echt enorm, was die Japaner unter "Überstunden" verstehen... Er ist übrigens auch sehr nett. Und Ayanas Mutter hat die ganze Zeit vorgeschwärmt, wie gut mein Japanisch doch sei. Dabei fehlen mir noch so viele Vokabeln, was das Verstehen immer noch so schwer macht. Und Höflichkeitssprache und Höflichkeitsneutral hab ich auch dauernd durcheinander geworfen. Das ist echt schwer, wenn man es neu lernt, und dann immer abwechselnd mit Ayana und dann wieder mit ihrer Mutter spricht. So schnell kann man als armer Ausländer doch gar nicht umdenken!

Am nächsten Morgen (um acht war Zeit zum Aufstehen) erwarteten mich zwei frisch zubereitete Nigiri-Sushi (gepresste Reisbällchen) zum Frühstück. Das war auch was Tolles! Vor allem dieses eine, in dem so krautartiges Zeug mit viel süßer Soyasoße drin war. Das war echt lecker ^^. Generell finde ich die Mischung Zucker+Soyasoße wirklich klasse.
Das frühe Aufstehen hatte im Übrigen auch seinen Grund. Zumindest bei Ayana und mir. Ayanas Mutter war schon seit ca. um sechs wach *Schock*. Und hat sauber gemacht *noch mal Schock*. Während der ganze Rest noch zu schlafen schien. Ganz genau kann ich das natürlich nicht sagen, denn da lag ich ja selbst noch in den Federn und hab es bloß durch die Geräusche vom Flur mitbekommen.
Für uns alle Stand am Samstag jedenfalls eine längere Tour auf dem Programm, denn es ging nach Nikko (Fahrdauer mit dem Auto: ca. 2 Stunden), eine kleine Stadt, die näher am Gebirge liegt, und für ihre Tempel und die große Schreinanlage berühmt ist. Die zählt im Übrigen zum Weltkulturerbe. Und nebst diesen vielen, wunderschönen Bauten gab es auch eins, was sicherlich jeder kennt: Den Schrein mit den drei Affen, von denen sich einer die Ohren, der nächste den Mund und der letzte die Augen zuhält ("Ich höre nichts Böses, ich sage nichts Böses, ich sehe nichts Böses."). Und das Grab des Reichseinigers Tokugawa Ieyasu befindet sich ebenfalls dort.

Anschließend sind wir in ein Restaurant gefahren (auch in Nikko) und haben Mittag gegessen. So eine typische Soba-Spezialität der Region. Nur leider habe ich den Namen vergessen...
Das Restaurant hatte außerdem zwei Etagen und in der zweiten befand sich noch ein kleiner Ausstellungsraum, in dem unter anderem Puppen zu sehen waren, die nun schon 100 Jahre alt sind! Wahrscheinlich waren sie gerade ausgestellt, weil am 3.3. in Japan das "Hina-Matsuri", das Puppenfest, gefeiert wird. Dieses Fest ist hauptsächlich für Mädchen bis unverheiratete Frauen.
Zurück bei Ayana zu Hause (noch mal zwei Stunden später) gab es dann ein bisschen Kaffee und Kuchen und anschließend sind Ayana, ihr Vater und ich noch mal mit dem Auto los, um das Rathaus in der Nähe anzugucken. Auch das wurde nämlich gerade wegen dem Puppenfest hübsch hergerichtet. Und WAS es da alles zu sehen gab...! Absolut enorm.

Anschließend sind wir (nach langen, langen, langen Wartezeiten im Auto, weil es auf dem Parkplatz dort einfach SO voll war, dass man überhaupt nicht vom Fleck gekommen ist) zurückgefahren und die Zeit fürs Abendessen rückte auch langsam näher. Diesmal gab es ja das berühmt-berüchtigte Sukiyaki. Das sah dann so aus, dass man alles (= Lauch, verschiedenes Gemüse, Pilze, Fleisch, Tofu) in einen großen, flachen Topf pack, darin mit Wasser und Soyasoße kochen lässt und sich dann ein paar Stücke von jedem rausholt. Das packt man dann in seine Schüsseln, in der man zuvor ein rohes Ei verquirlt hat, tunkt das Essen ins Ei ein und isst es. Klang im ersten Moment etwas sonderbar, rohes Ei zu essen, aber es ist doch sehr lecker. Nebenbei isst man immer noch den leckeren japanischen Reis aus einer weiteren, kleineren Schüssel.

Abends haben wir einen japanischen Film gesehen über einen Mann, der angeblich in einer überfüllten U-Bahn einer Mittelschülerin unter den Rock gefasst hat und sie da befummeln wollte. Allerdings hat die Schülerin ihn in dem Gedränge verwechselt und er wurde fälschlicherweise verdächtigt, festgenommen, ins Gefängnis gesperrt und am Ende sogar verurteilt. Obwohl sich dann sogar Leute gefunden haben (nebst der Mutter und dem besten Freund des Angeklagten natürlich), die ihm geglaubt und fieberhaft recherchiert haben, um seine Unschuld zu beweisen. Und obwohl die Beweise ziemlich gut waren, hat es letztlich eben nicht gereicht. Mir kam es sowieso so vor, als würde es dem Richter gar nicht so sehr darum gehen, Schuld oder Unschuld herauszustellen, sondern bloß einen weiteren Erfolg der Japanischen Polizei verbuchen zu wollen. Japan ist ja bekannt dafür, dass sie eine enorm hohe Rate an erfolgreich aufgeklärten Straftaten hat. Nur leider geht der Erfolgsdrang da wirklich oft genug über Recht und Unrecht. Das war halt das Problem, was in dem Film thematisiert wurde. Und es bezog sich auf einen reellen Fall, der sich vor gar nicht allzu langer Zeit ereignet hatte. Ist schon irgendwie beklemmend, so etwas zu sehen...
Sprachlich wars natürlich ein einziger Reinfall. Aber ich hab auch nichts anderes erwartet, bei einem Film, in dem die Menschen normales Sprechtempo, teilweise Umgangssprache und vor allem eine Menge Fachvokabular benutzen (bin schon froh, dass die Alltagsgespräche mit Ayana und ihrer Familie so gut gelaufen sind). Durch die Bilder und Reaktionen der Menschen hat man sich ja zum Glück einiges erschließen können.

Zum nächsten und damit heutigen Tag:
Morgens gab es wieder japanisches Frühstück, allerdings diesmal nicht in Form von Nigiri, sondern Shirashi Sushi. Das ist sowas wie Sushi-Salat, also den Reis wieder, wie bei Sushi üblich, mit Reisessig gewürzt, alles in eine große Schüssel und dann Fischflocken und Gemüseschnipsel dazu. Ohne Einrollen und Ähnlichem. Suuuuuuuperlecker!

Nach dem Frühstück sind Ayana und ich dann auch bald losgefahren, weil wir uns 12:00 Uhr mit Anne und Franzi in Harajuku treffen wollten. Dort, an einer Brücke kurz vorm Meiji-Schrein, versammeln sich jeden Sonntag einige lustige Gestalten zum Cosplay und die wollten wir uns mal angucken. Aber so viel war gar nicht los. Und einige schienen wirklich ziemlich schräg zu sein. Da hat man sich dann doch nicht näher ran getraut *lach*. Aber ein paar sahen schon nicht schlecht aus.

Anschließend noch Fastfood-Essen (ja, ja, wir schämen uns...), weils in Harajuku einfach keine preiswerten Restaurants zu geben scheint, und dann sind wir langsam wieder Richtung Heimat getrottet.
Tja, und das war das Wochenende :).

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