Sonntag, 22. Januar 2012

Der Jahreswechsel - im weitesten Sinne

Man mag es kaum glauben, doch es gibt tatsächlich mal wieder ein Lebenszeichen von mir. Und den Versuch, alle bereits halb veralteten Ereignisse von November bis jetzt aufzuarbeiten und zumindest kurz zusammenzufassen.
Wie es mitten im Semester immer so ist, wenn das Studium in vollem Gang ist und man sich von Seminar zu Seminar und Hausaufgabe zu Hausaufgabe hangelt, ist entweder wochenlang eh nichts Spannendes passiert oder die Zeit hat nicht gereicht, die ein, zwei spannenden Erlebnisse, die es dann doch mal gab, hier im Blog festzuhalten. Inzwischen hat sich aber einiges angehäuft, was berichtet werden will.

Beginnen wir also in ferner Vergangenheit. Im November 2011. Es war immer noch mitten in der Kulturfest-Zeit der verschiedenen Universitäten und am 5.11. (das war ein Samstag) fanden die Festtage gerade an der Waseda-Universität zugehörigen Design-Fachschule statt. Dort studiert Linda, eine Freundin von Franzi und mir, die wir seit unserem ersten Gasshuku 2008 kennen, und wir haben diese Gelegenheit vor allem genutzt, um Linda endlich noch einmal besuchen zu können. Auch Yasu, ebenfalls ein Freund vom Gasshuku, war noch mit dabei.
Leider gibt es keine Fotos von dem Tag, aber Kunst/Designschulen in Japan sind genauso interessant wie in Deutschland. Die Studenten leben ihre Kunst dort wirklich aus. Sogar der Campus ist teils von ihnen mit- und umgestaltet worden. Und natürlich waren auch die ganzen Ausstellungsstücke absolut sehenswert. Unter anderem gab es ein riesiges dreidimensionales Modell, welches das Höhenprofil und Flussverläufe der Tohoku-Region gezeigt hat, hergestellt aus ganz vielen dünnen Papp-Platten, die je nachdem, ob an einer Stelle ein Berg oder Tal entstehen sollte, mehr oder weniger hoch aufeinander gestapelt und aufgeklebt wurden. Ein mehrere Quadratmeter umfassendes 3D-Puzzle sozusagen. Ähnliche Modelle sowie dazugehörige Poster und Skizzen gab es auch zu einem anderen Projekt, bei dem die höheren Semester einen Stadtteil Tokyos fiktiv umgestalten sollten. Ich wünschte, irgendwas davon könnte man mal verwirklichen. Die Ideen der Studenten waren auf alle Fälle hundertmal besser als das aktuelle Aussehen dieser Gegend. Weniger grau, weniger mechanisch, mehr Grün und luftiger, bewegungsfreundlicher gestaltet. Wenn man das so alles sieht und sich überlegt, dass Architekten auch in Japan so gut wie keine Möglichkeiten haben, nach ihrem Uni-Abschluss wirklich in diesem Berufsfeld Fuß zu fassen, ist das einfach nur traurig.

Wir überspringen nun eine Woche und kommen zum Donnerstag, den 17.11. Unsere Musical-Truppe, bestehend aus Franzi, Yurie und mir, hat Neuzuwachs in Form von Jacqueline bekommen (Jacqueline ist ebenfalls eine Freundin aus unserem Master-Programm) und zu viert sind wir nun ins Phantom der Oper gegangen. Vor langer, langer Zeit, als ich noch in der 9. Klasse war und mein Jahrgang damals für eine Woche nach London gefahren ist, hatte ich das Phantom der Oper schon einmal gesehen und ich weiß noch, dass ich damals unglaublich beeindruckt gewesen war. Am 17.11. hatte ich dann festgestellt, dass außer diesem starken Eindruck nicht viel geblieben war von den Erinnerungen an die Version in England. Einige Schlüsselszenen hatte ich noch im Kopf, aber das Meiste ist in den gut 9 Jahren seit dem England-Ausflug doch in Vergessenheit geraten. Dadurch konnte ich leider gar nicht richtig vergleichen, wie gut die Japaner das Musical im Vergleich zu den Engländern damals umgesetzt hatten. Aber es war auf alle Fälle trotzdem wieder ein Erlebnis. Vor allem finde ich es immer wieder unglaublich, wie die Schauspieler da in ihren schweren, prunkvollen Kleidern über die Bühne tanzen müssen, dauernd in Bewegung, und dabei trotzdem aus voller Kehle singen können und damit so einen ganzen Saal beschallen. Ich kann ja nicht mal gleichzeitig laufen und dabei ein angeregtes Gespräch führen, weil mir da die Luft weg bleibt.

Am darauffolgenden Wochenende, vom 19. bis 20.11., stand ein kleiner Ausflug an zu einem Ort, den ich eigentlich schon seit Jahren besuchen wollte: Hakone. Berühmt für seine heißen Quellen, das rote Herbstlaub und seine schöne Natur im allgemeinen. Zumindest wenn man von der Natur irgendwas sieht. Als wir am 19.11. morgens von Tokyo losgefahren sind - wir, das sind übrigens:

 
 v.l.n.r.: Atsushi, Yachiyo, ich, Yasu, Takaaki (kurz: Taka), Paul (Franzose), Miyuki.

Jedenfalls - als wir in Tokyo losgefahren sind, hat es bereits leicht geregnet. Und entgegen aller Hoffnungen, es könnte in Hakone vielleicht besser werden, wurde es immer schlimmer. Als wir dann da waren, hat man die Hand vor Augen kaum noch gesehen, so hat es gegossen. Ich fühlte mich dabei stark an Franzis und meinen ins Wasser gefallenen Atami-Ausflug erinnert und hatte dann von den anderen meinen Ruf als Regen-Frau weg.
Unseren ursprünglichen Plan - Samstags Sightseeing und Sonntag Entspannung im Onsen - haben wir dann spontan umgekrempelt, um nicht ertrinken zu müssen und sind am Nachmittag erst mal in ein nettes Onsen gegangen. Dort sind wir dann sicher 2, 3 Stunden lang von einem Becken ins nächste gewandert, haben sowohl die verschiedenen Innen- als auch Außen-Anlagen ausprobiert und fühlten uns danach erst mal so richtig gut. Und müde. Verdammt müde. Nach einer kurzen Schlafpause in einem kostenlos nutzbaren Tatami-Zimmer (das gehörte zum Onsen dazu) sind wir weiter gefahren, um unser Bungalow zu finden. Inzwischen wurde es dunkel und zum Starkregen gesellten sich taifunartige Windböen. Aber Taka hat uns ganz souverän durch die engen, verschlungenen Bergstraßen manövriert (ich wäre tausend Tode gestorben, wenn ich da hätte hinterm Steuer sitzen müssen).
Bungalow gefunden, Sachen abgestellt und kurz Schuhe und Hosenbeine trocknen lassen, dann ging es auch schon weiter. Wir mussten schließlich noch einkaufen. Wieder durch den Taifun - als gratis Extra sind inzwischen unsere Scheiben im Auto beschlagen und wollten einfach nicht mehr klar werden, sodass Taka sicher mit nicht mehr als 50% Sicht fahren konnte (halt das kleine Stück, was der Scheiben-Lüfter frei halten konnte) und nach einem zuerst erfolglosen Anlauf, weil die Kaufhalle bereits seit 18 Uhr zu hatte (es war 18:15), hatten wir beim zweiten Versuch dann auch mehr Glück. Und nach dem Einkaufen hatte sich, wie durch ein Wunder, der Regen plötzlich weitestgehend verzogen. Nur die Luft war noch schwer von der ganzen Feuchtigkeit. Unserer Autoscheibe hat das jedenfalls auch sehr geholfen. Dafür gab es draußen, auf den Bergstraßen, dann fetten Nebel...



Abendessen! Das hatten wir uns nun redlich verdient. Taka hat sich, als wir wieder da waren, erst mal hingelegt und eine Weile geschlafen. Nach den Abenteuer-Fahrten war es auch wirklich kein Wunder, dass er so fertig war. Der Rest hat sich dann ums Kochen gekümmert. Atsushi hat Nabe gemacht (dazu auch der Keramik-Topf in der Mitte des Tisches, wo er dann eine Art japanische Suppe gekocht hat), Yachiyo und Miyuki haben Salat gemacht und ich war für Fischstäbchen, Kartoffelbrei und Rohkost verantwortlich. Dabei hat natürlich jeder jedem geholfen, wenn irgendwo Hände, Messer, Brettchen und ein bisschen Platz frei war.
Zudem war in einer Woche Yasus Geburtstag, weswegen er schon mal einen Kuchen von allen geschenkt bekommen hat. In Japan ist das überhaupt kein Problem, einen Geburtstag auch mal eine Woche vorzufeiern.


 Als wir am nächsten Morgen aufgestanden sind, hatten sich Regen, Wolken und alles, was sonst noch zum schlechten Wetter vom Vortag dazugehört hat, vollständig verzogen und uns begrüßte strahlender Sonnenschein. Dabei ist uns dann zum ersten Mal aufgefallen, in was für einer schönen Umgebung unser Bungalow eigentlich lag. Und generell hat sich uns jetzt auch endlich die Schönheit von Hakones Natur offenbart - mit vielen leuchtend roten und gelben Ahornbäumen.








Nachdem wir unser Auto geparkt hatten, ging es zur Seilbahn, ein Stück die Berge rauf, von wo aus man den Berg Fuji auch super sehen konnte. Während wir dort Richtung Schwefelquellen spaziert sind, haben wir alle zwei Minuten angehalten und Haufenweise Fotos geschossen, immer mit dem Berg im Hintergrund. So groß und klar habe ich ihn ewig nicht mehr gesehen, also musste die Gelegenheit genutzt werden.




Die Schwefel-Quellen waren natürlich auch unheimlich interessant - und haben genauso unheimlich gestunken. Schwefel halt...



Darin wurden Eier gekocht, die dann alle diese charakteristisch schwarze Schale bekommen haben und eine dezente Schwefel-Note. Wirklich lecker.



Von Weitem ein atemberaubender Anblick, wie es überall aus der Erde gedampft hat.
Nach unserem Spaziergang durch die Quellen war es dann auch schon wieder Zeit zum Gehen. Am nächsten Tag mussten alle wieder auf Arbeit oder in die Uni und der Sonntagnachmittagsverkehr in Hakone war auch nicht zu unterschätzen. Also zurück mit den Menschenmassen in die Seilbahn, zum Auto und dann durch den kilometerlangen Stau - was uns Stunden gekostet hat, bis wir raus waren aus dem Stadtgebiet. Im Übrigen war bis nach Ortsausgang ein Jogger neben uns am Straßenrand, der rein zufällig dieselbe Route eingeschlagen zu haben schien. Vom Gebirge, all die Kilometer runter ins Tal, haben wir es mit unserem Auto nicht geschafft, ihn zu überholen.

Für die darauffolgende Woche war das Kulturfest des Mita-Campus der Keio Uni angesetzt, sodass für alle Studenten unseres Campus - drei Kreuze - der Unterricht ausfiel. Montag und Dienstag konnte ich daher noch mal richtig fleißig sein, am Mittwoch hab ich dann bei landesweiten Deutschprüfung ausgeholfen. Einer der Prüfungsorte war praktischerweise der Hiyoshi-Campus der Keio Uni, der ja gleich gegenüber vom Bahnhof bei mir in der Wohngegend ist.
Donnerstag (am 24.11. übrigens) war Herr Shimada gerade auf Geschäftsreise in Tokyo und hat mich abends mit zum Abendessen eingeladen. Shinjuku, Sumitomo Building. Das Monster hat über 70 Etagen und wir saßen gemütlich in der 74. und haben bei Sushi, Krabbe und anderen Köstlichkeiten die Aussicht auf Tokyo bei Nacht genossen. Wow. Wirklich.
Am kommenden Freitag hatte ich dann mein letztes Japanisch-Tutorium für meine vier Japanisch1-Austauschstudenten an der Keio. Ein bisschen seltsam war es schon, zumal ja mitten im Semester, am Ende der Stunde dann von allen Abschied zu nehmen und sich noch alles Gute für die zweite Hälfte zu wünschen, aber ich glaube, unterm Strich war es schon ganz gut, dass ich das nicht länger gemacht habe. Mit meinen Seminaren, dem Forschen für die Master-Arbeit, dem Praktikum im Deutschkurs, der Vermittlung eines Auslandsjahres für einen Bekannten bei der Fachschule in Fukuoka (die auch zum Schulbetrieb von Herrn Shimada gehört), den Gasshuku-Vorbereitungen und dem Freitags-Tutorium war ich echt ausgelastet. Aber vollends. Und so war ich letztlich doch ganz froh, als zumindest eine Sache weg war.

Am Samstag, den 26.11., ging es gleich weiter mit Spannung und Abenteuer. In aller Herrgottsfrühe, d.h. 8 Uhr morgens, haben Franzi und ich uns am Bahnhof vor Disneyland Tokyo eingefunden. Lei, ein gemeinsamer Freund aus Halle, war in der Zeit gerade in Japan und seine Freundin Noriko ist auch gerade in Tokyo gewesen. Nori-chan wollte sowieso schon ewig mal mit uns nach Disneyland fahren, hinzu kam, dass ihr kleiner Neffe an dem Tag seinen 6. Geburtstag gefeiert hat und ein riesiger Disneyfan ist, und so war der Plan beschlossen. Für Franzi und ich war das unser erster Besuch überhaupt.

  
 Ab hier hat man es langsam geahnt: Disneyland, in Tokyo, an einem Sonntag, bedeutet: Anstehen, solange deine Beine dich tragen können. Und länger. Um am Ende dann das Vergnügen zu haben, 2-5 Minuten in einer Attraktion zu sitzen und sich aufwändige Kulissen und Spezialeffekte ansehen zu können.

 Das Geburtstagskind.

 

Gelegentlich wurden die Menschenunmengen in ihrem ewig währenden zähflüssigen Gewalle durch die Straßen unterbrochen durch einige Paraden, die in bestimmten Zeitabständen zu bestimmten Themen durch die Straßen zogen. Disney-Filklassiker, die Mikey-Maus-Truppe, Weihnachts-Special.
 
 
 Und es war kalt. Bzw. ich war nicht warm genug angezogen. Jedenfalls war das stundenlange Gestehe eine Qual.

 
 
 v.l.n.r.: Nori-chan, Lei, Franzi, ich

Die Zeittafel am Abend. Na, wer findet die längsten Wartezeiten?

 

Also im Großen und Ganzen kann ich sagen, es war sehr schön, dass ich Lei und Nori-chan mal wieder sehen konnte. Aber ich habe da echt gemerkt, dass ich aus dem Disney-Alter, momentan jedenfalls, zu 100% rausgewachsen bin. Und dass ich definitiv zu deutsch bin und wahrscheinlich bis zum Ende meines Lebens nicht japanisch genug werden kann, um irgendwann einen Sinn, Vorteil oder sonst auch nur irgendetwas Positives darin zu sehen, wie man sich 2 geschlagene Stunden die Beine in den Bauch stehen kann, bloß um sich dann für 1 1/2 Minuten eine gelinde gesagt öde Kutscherei (sorry) durch eine Disney-Kulisse anzutun. Wirklich, das einzig Schöne an einigen von diesen Attraktionen war, dass es da nicht so arschkalt war und ich mal für einen winzigen Augenblick nicht mehr so jämmerlich frieren musste. Auch wenn ich ja einsehe, dass ich diesen Punkt selbst zu verschulden hatte. Und gut, einige Attraktionen waren auch durchaus recht nett.

Sonntag, am 27.11., hatte dann mein Freund Geburtstag, ich konnte ihm mein Leid vom Vortag klagen und ansonsten haben wir uns 'nen schönen Tag gemacht mit Schlittschuh-Laufen, lecker Kochen und Spaziergang durch die Weihnachtsbeleuchtung Roppongis. Das war dann wirklich mal wieder eine schöne Mischung aus Spaß und Erholung. Leider Gottes hab ich ab dem Abend dann Kopfschmerzen bekommen, die sich dann auch über Montag und Dienstag in bombastischer Intensität fortgesetzt haben. Vor allem Dienstagmorgen, als ich aufgewacht bin, weil ich dachte, mir explodiert gleich die Schädeldecke und ich mich dann gefragt hab, warum ich überhaupt aufgewacht bin, wenn ich eh das Gefühl hab, im nächsten Moment das Bewusstsein zu verlieren. Das war echt unschön. Und Unterricht hab ich dadurch auch verpasst...
Die nächsten Tage und Wochen ging es dann aber wieder ganz normal weiter.

Bis zum Samstag, den 17.12. Da haben wir Master-Studenten uns alle mal zum gemeinsamen Weihnachtsmarkt-Besuch in Roppongi getroffen.


Im Übrigen wurde dort neben Glühwein, Plätzchen und ein paar Waffeln auch Bratwurst mit Brötchen verkauft. Die Oktoberfest-Mentalität ist tief verwurzelt.

 v.l.n.r.: Ich, Franzi, Jacqueline, Yushiro, Judith, Lena, Kichiro

 
Weihnachtsbeleuchtung in Roppongi. Oben noch mit Blick auf den Tokyo-Tower.

Im Anschluss an unseren Weihnachtsmarkt-Besuch haben wir einen Spaziergang zur Uni gemacht, denn die Germanisten haben am selben Tag ihre Weihnachtsfeier geplant und uns eingeladen.

Am 20.12., Dienstag, ging es wieder ins Musical. Diesmal auf dem Programm: Tanz der Vampire. Nebst Jacqueline, Franzi, Yurie und mir war diesmal auch Yuries Mutter mit dabei. Wir werden immer mehr. Und von allen Musicals, die ich bisher hier in Japan gesehen habe, hat mir diese Inszenierung am besten gefallen. Die einzelnen Charaktere wurden wirklich facettenreich und ausdrucksstark gespielt, es gab viel zu Lachen (ja, das Publikum hat tatsächlich zwischendurch gelacht!) und auch vom Gesang her haben die Schauspieler eine super Leistung gezeigt. Vor allem der Graf hat super gesungen. Das einzige, wovon ich ein wenig enttäuscht war, waren die zwei musikalischen Hauptstücke, die durch Bonny Tyler ("Total Eclipse of the Heart") und Meat Loaf ("Objects in the Rear View Mirror") nach dem Musical ja weltweit bekannt geworden sind. Daran hat man dann wieder gemerkt, wie schwer es gerade bei Musik ist, Wort, Betonung und Bedeutung unter einen Hut zu bekommen und die Atmosphäre des Originals aufrecht zu erhalten. Das hat hier leider nicht so gut gepasst. Schade. Aber ansonsten wirklich eine super Vorstellung.

Am Freitag, den 23.12., waren Franzi und ich dann bei Yurie zum Plätzchenbacken eingeladen. Ich hatte mich dummerweise mit der Teigmenge bei meinen Plätzchen vertan und dann das Doppelte von dem gemacht, was ich ursprünglich vorgehabt hatte. Dadurch standen wir letztlich STUNDEN in der Küche und am Ende taten uns allen Rücken und Beine weh. Aber wir haben Plätzchen gebacken! In Japan! Und lecker waren sie natürlich auch. ;)
Yuries Eltern, die gegen Nachmittag nach Hause gekommen sind, haben uns am Abend dann noch mit einem unheimlich leckeren Abendessen verköstigt, bestehend aus Curry, Reis, Blumenkohl, Yakitori-Spießen, Zwiebel-Tunfisch-Salat, Yakitamago (gerolltem Ei) und...ach, ich hab sicher die Hälfte vergessen. Es war so viel, so viel Verschiedenes und alles, durchweg, so super lecker!

Und dann war auch schon Weihnachten. Am 24.12. haben wir - das sind Franzi, Jacqueline, Lena, Katha, Kichiro, Taka, mein Freund und ich, bei uns im Wohnheim Heiligabend gefeiert. Mit Salat, selbstgebackenem Brot von Jacqueline (Tränen der Freude! Es war so unglaublich lecker!), Kartoffelbrei, Rohkost, Buttermöhren, Glühwein, Pflaumenwein und und und. Gegen halb elf mussten die ersten dann langsam gehen, also Taka und Jaqueline, weil sie einen ziemlich weiten Heimweg hatten und ihre letzten Züge nicht verpassen durften. Der Rest hat dann, nachdem wir sie zum Bahnhof gebracht hatten, zusammen "Das letzte Einhorn" geschaut und gegen 1 Uhr war die Versammlung dann geschlossen und jeder ist zurück zu seinem PC gegangen (von uns Deutschen jedenfalls) und hat dann erst mal mit seiner Familie in der Heimat geskyped.
Am 25.12. war ich abends bei Tamaki, der Tochter meiner Gastmutter, und ihrer Familie zum Weihnachtsessen eingeladen. Mit Tamakis Familie waren wir damals, im Juli 2009, auch zusammen in Nagano und haben eine Woche Urlaub in einer Ferienhütte gemacht. Yutaka, Tamakis älterer Sohn, war damals in der ersten Klasse und Takuma, der jüngere, noch im Kindergarten. Inzwischen ist Takuma in der ersten Klasse und Yutaka kommt bald in die vierte. Aber im Grunde sind sie doch immer noch dieselben, wie ich sie damals in Erinnerung hatte: Der große Bruder aufgeweckt und manchmal ein bisschen frech, Takuma sehr still und zurückhaltend. Und beide wirklich süß.
Den 26.12. habe ich dann mit meinem Freund zu zweit verbracht. So hatten wir beide mehr oder weniger ein halb deutsches, halb japanisches Weihnachten. In Japan verbringt man Weihnachten ja eigentlich nur in der Kindheit mit seiner Familie. Wer dann später einen Freund/eine Freundin hat, unternimmt die Tage etwas mit dem/derjenigen. Oder auch mit Freunden. Wer nichts zu tun hat, bleibt natürlich in der Zeit daheim, aber so richtig gefeiert wird im Erwachsenenalter nicht mehr. Die traditionelle Zeit der Familie ist hier ja das Neujahr.

Am 27.12. ging es dann noch einmal in die Uni, für mich stand an dem Tag noch ein Vortrag an, und dann wurden wir endgültig in die Winterferien entlassen. Und ich kam ab dem 28. auch prompt mit Fieber kaum noch aus dem Bett raus. Das zog sich erst mal bis zum 31. so hin, teils mit Schüttelfrost, Appetitlosigkeit, Schwindelgefühl und so. "Dämliche Grippe" hab ich mir noch gedacht, als ich ein Treffen nach dem nächsten mit meinen Freunden absagen musste. Inclusive Silvesterfeier. Aber am 1.1. ging es mir dann endlich wieder besser. Allerdings auch nur für einen Tag. Am 2. war mir beim Aufstehen dann schon wieder schummrig und der erste Blick in den Spiegel hat gezeigt, dass ich einen knallroten Ausschlag bekommen hatte, der sich vom Gesicht an über meinen halben Körper zog. Das war dann der Punkt, wo ich dann auch dachte, dass ich viellelicht mal zum Arzt gehen sollte. Nur dass in der Feiertagszeit bis zum 3.1. fast alles geschlossen hat. Über Nachfragen und Rumtelefonieren habe ich dann ein Krankenhaus halbwegs in der Nähe gefunden, wo ich hingehen konnte, und dort wurde mir nach einer ersten allgemeinen Blutanalyse wahrscheinlich "Pfeiffersches Drüsenfieber" diagnostiziert. Mit Tabletten eingedeckt, wurde ich dann wieder ins Bett geschickt. Und am 4. sollte ich dann wiederkomen, denn die Spezialisten, die so eine Virenanalyse durchführen konnten, waren dann erst aus dem Neujahrsurlaub zurück. Am 4. also wieder hingewankt, wieder Blut abgezapft, das neueste Voranschreiten des Ausschlags begutachtet (inzwischen hatte er auch die Füße erreicht und war an den Beinen teils blutunterlaufen), neuen Tabletten-Mix bekommen und wieder heim, ins Bett. Nach ein paar weiteren Tagen Bettruhe ging es dann aber endlich wieder aufwärts. Und dann musste ich auch erst mal bei einer meiner Lehrerinnen zu Kreuze kriechen, weil ich bis zum 7.1. einen Aufsatz hätte abgeben müssen, und hab zum Glück noch eine Verlängerung um eine Woche bekommen. Franzi und Lena hatten mir in der Zeit auch echt unheimlich geholfen, meine Essens- und Getränkevorräte aufzustocken. Ich kam ja kaum allein bis zum Krankenhaus, geschweige denn bis in die Kaufhalle.
Nachdem ich inzwischen noch zwei weitere Male dort war, wurde mir der anfängliche Verdacht auf Pfeiffersches Drüsenfieber dann auch endgültig bestätigt und ich durfte noch zweimal Blut ziehen lassen, vor allem, um meine Leberwerte zu überprüfen. Die Viren hatten meine Leber nämlich scheinbar besonders gern und haben sie fleißig angefressen, sodass die Werte bis letzte Woche noch himmelschreiend waren. Diese Woche war es aber zum Glück schon deutlich besser und in zwei Wochen geh ich dann, voraussichtlich zur Abschluss-Untersuchung, noch einmal hin. In dem Krankenhaus kenne ich mich jetzt jedenfalls bestens aus und mein Japanisch-Wortschatz ist um ein paar medizinische Begriffe reicher.

Nachdem es mir jetzt auch wieder richtig gut geht, konnte ich ab dieser Woche auch endlich mal wieder ein bisschen was unternehmen. Mittwoch, am 18.1., war zudem mein letzter Praktikumstag im Intensivkurs Deutsch bei Herrn Schart. Die Leute der Oberstufe sehe ich vielleicht noch ein letztes Mal irgendwann im Februar, wenn sie mit Herrn Schart ein kleines Abschluss-Treffen veranstalten. Von der Mittelstufe habe ich viele diese Woche wohl wirklich zum letzten Mal gesehen. Es ist schon ein komisches Gefühl, wenn einem so bewusst wird, dass das Semester jetzt wirklich vorbei ist. Und mit ihm mein Auslandsjahr ja auch schon fast.
Abends bin ich dann noch mit zum Kopra-Treffen gegangen, das Taka und Fabian, ein Freund von ihm, der hier in Japan arbeitet, ja monatlich organisieren. Diesmal waren erstaunlich viele Deutsche da und wenige Japaner. Gerade die Studenten werden gerade sicher mitten in ihrer Prüfungszeit sein, denke ich.
Donnerstag, den 19.1., hatte ich noch einen kurzen Vortrag und eine mündliche Prüfung für meinen Konversationsunterricht sowie ebenfalls einige abschließende Worte zum Semesterende. Abschied nehmen macht echt keinen Spaß. Alle Kommilitonen, mit denen wir deutschen Studenten zusammen in den Kursen saßen, bleiben noch länger hier in Japan. Die Leute aus unseren Master-Seminare natürlich bis zum Studienabschluss, die anderen zumindest noch ein weiteres Semester.
Abends bin ich auf Einladung des Leiters vom Goethe Institut Tokyo, Herr Wördemann, noch dort im Institut vorbei gegangen, hab freundlicherweise eine Freikarte für den Eröffnungsfilm "Hotel Lux" der gerade beginnenden Filmfestwoche bekommen, und konnte im Anschluss sogar noch ein paar Worte mit dem Regisseur, Leander Haußmann (auch bekannt durch "Sonnenallee", "Herr Lehmann", "Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken" und andere), wechseln. Die Lobby war an dem Abend wahnsinnig voll. Ich hätte nicht erwartet, dass so viele deutsch-interessierte und deutch sprechende Japaner kommen würden. Mit einigen habe ich mich im Anschluss an den Film dann auch noch am Buffet unterhalten. Das hat der Leiter des dort ansässigen ZDF zufällig mitbekommen und mich gefragt, ob ich Interesse hätte, für deren nächste größere Reportage die Interviews ins Deutsche zu übersetzen. Klang super, also bin ich am Freitag (nach der neuesten Blutanalyse) am Nachmittag noch mal dort vorbei gegangen, habe mir das ein wenig erklären lassen, wie es wohl ungefähr laufen soll, dann hat mir ein Mitarbeiter die Schnittanlage ein wenig erklärt und ich habe probeweise mal die Interviews von einem der letzten Drehs übersetzt. Zum Glück ging das recht flott (eine gute Stunde), im Verhältnis zu dem Material, und die Leute vom ZDF waren auch zufrieden und nun hab ich den Job praktisch in der Tasche. Bis auf das Übersetzen im Studio habe ich da natürlich nichts zu tun, sodass es für mich nur eine recht kleine Aufgabe wird, aber zu sehen, dass mein Japanisch inzwischen an einem Punkt ist, dass es für irgendwen wirklich nützlich sein kann, das freut mich einfach und macht mich auch ein bisschen stolz.

So, und nun wird wieder gearbeitet. Das Semester ist schließlich noch nicht ganz vorbei und die Master-Arbeit schreibt sich auch nicht von allein. Aber ich denke, der nächste Blogeintrag kommt sicher in absehbarer Zeit.

Dienstag, 18. Oktober 2011

Zeit für Feste und Männer (Jungs?) in Strumpfhosen

Es ist Herbst geworden in Japan. Ab 17:30 Uhr ist es stockdunkel draußen, die Temperaturen und das Wetter schwanken in letzter Zeit ziemlich und die japanische Herbstmode hat ihren Einzug ins Land gehalten und sorgt trotz bisweilen trüben Wetters für genügend Erheiterung.
Neuestes Beispiel sind die im Titel erwähnten männlichen japanischen Studenten in ihren nach wie vor halblangen Hosen, unter denen einige inzwischen allerdings hautenge Strumpfhosen tragen. Meist in schwarz, aber heute habe ich auch eine gesehen mit Piraten-Totenkopf-Aufdrucken. Sehr schnuckelig.

Davon abgesehen ist der Herbst auch die Zeit der Universitäts-Feste. Dazu betreiben die Clubs und Zirkel der einzelnen Unis oder Campus wochenlang umfangreiche Vorbereitungen, um an den Tagen des Campus-Festes ihren eigenen kleinen Stand, Flohmarkt oder Aufführungen präsentieren zu können. Und weil wirklich die gesamte Uni mitmacht, sowohl bei der Vorbereitung als auch bei der Durchführung, sind diese Herbstfeste jedes Jahr aufs Neue ein spektakuläres Ereignis, hinter denen sich deutsche Unis nur verstecken können. Wenn man so etwas nie erlebt hat, kann man sich kaum vorstellen, dass so viele Studenten, die miteinander eigentlich kaum in Verbindung stehen, ein so gut durchorganisiertes Fest auf die Beine stellen können. Vor allem, da japanische Studenten ja landläufig den Ruf weg haben, eher passiv zu sein und nicht diskutieren zu können.
Am Sonntag, den 16.10., war ich zusammen mit Franzi und Katha (ebenfalls eine Kommilitonin aus Halle) auf einem dieser Herbstfeste, nämlich am Shonan-Fujisawa-Campus (kurz: SFC-Campus) der Keio-Universität. Jumpei, ehemals Austauschstudent in Halle, studiert dort am Campus und hat uns eingeladen. Zeitlich passte das auch ganz prima, denn am Tag zuvor hatten wir Doppel-Master-Studenten gerade ein Kolloquium für die Master-Arbeiten hinter uns gebracht, d.h. die Woche zuvor wurden fleißig Recherche-Ergebnisse gesammelt und in ein Handout gepackt und der dazugehörige Vortrag geübt, damit wir am Samstag (!) dann in fünfstündiger (!) Diskussion alle Themen fein auseinanderklamüsern konnten. Hungrig und müde sind Franzi und ich danach noch weiter nach Yokohama gefahren, wo unsere Freunde vom Deutsch-Gasshuku gerade zum Nomikai in ein Restaurant gegangen sind. Die meisten der Leute sieht man bestenfalls einmal pro Monat, deshalb wollten wir uns diese Chance natürlich nicht entgehen lassen. Aber gegen 22:00 Uhr haben wir dann schon gemerkt, dass unsere Energie für diesen Tag allmählich aufgebraucht war.

Zurück zum Sonntag. Pünktlich 10:30 Uhr wollten Franzi, Katha und ich uns in der Lobby im Wohnheim treffen und dann gemeinsam zum SFC-Campus fahren. Allerdings habe ich mit dem Frühstücken irgendwie länger gebraucht als sonst, also mussten die beiden noch 15 Minuten warten...
Auf dem Weg zum Campus hatten wir von der Bahn aus einen Anblick, den ich seit längerem nicht mehr erleben durfte:


Ganz schüchtern lugte hinter dem alltäglichen Dunstschleier doch tatsächlich der Fuji-san bläulich hervor! Und momentan noch ganz ohne weiße Haube. Bedingt dadurch, dass die Smog-Belastung und Luftfeuchte in Tokyo im Sommer stärker sind als im Winter, bekommt man ihn in der warmen Jahreszeit kaum zu Gesicht.

Nach gut einstündiger Fahrzeit sind wir in Shonandai, der Endhaltestelle, noch in den Bus umgestiegen und weitere 20 Minuten später am Arsch der Welt, also dem Campus, angekommen...


...und sind gleich darauf auch schon auf Akiko, die bis August ein Auslandsjahr in Halle gemacht hat, gestoßen.


Akiko hat sich am Stand der Deutsch-Studenten engagiert und fleißig Werbung für Bier und Bratwurst gemacht.

Nach kurzem Plausch haben wir uns aber erst einmal den Rest des Festes angeschaut, wobei wir immer wieder lästige Studenten abwimmeln mussten, die uns mit beharrlicher Sturheit das Essen oder die Getränke ihres Standes aufschzuschwatzen versuchten. Nicht, dass wir nichts kaufen wollten, aber wir wollten uns zumindest erst einmal umsehen. Und das Kappa-Gebäude finden. Dort hatte Kaho, eine Freundin von Katha, die vorletzten Sommer für einen Monat in Halle war, mit ihrem Musikzirkel ein Musik-Café eingerichtet, wo man sich ab 13 Uhr eine kleine Aufführung anhören konnte.







Im Anschluss daran haben wir uns mit Jumpei getroffen. Als SFC-Student ist er einer der ganz wenigen, die für ihren Uniweg nicht mindestens 1 1/2 Stunden mit Bahn und Bus brauchen, weil er direkt in Fujisawa, der Stadt, in der sich der Campus befindet, wohnt. Einige Studenten wohnen sogar so weit weg, dass sie bisweilen sogar direkt auf dem Campus übernachten, weil sich die Heimfahrt abends einfach nicht mehr lohnt. Zeugnisse davon haben wir in einem der Gebäude in Form eines verlassenen Schlafsacks gesehen.
Jumpei hat uns dann noch einigen Freunden von sich vorgestellt, Deutschen wie Deutschlernenden, und mit einigen von ihnen haben wir uns dann die Breakdance-Aufführung des Tanzclubs angesehen, eines der Highlights des SFC-Herbstfestes. Diese Gruppe hat hunderte Mitglieder, die mit Sicherheit alle mehr trainieren als studieren, so gut, wie die sind. Dafür sind sie selbst an anderen Unis entsprechend berühmt und haben natürlich auch ihre eigene kleine Fangemeinde, die bei der ca. 1 1/2-stündigen Vorführung ordentlich angefeuert hat.










Zu schade, dass meine Kamera keine Videos aufnehmen kann. Bei den Tanzeinlagen hätte sich das wirklich gelohnt. Aber wenn Franzi irgendwann demnächst ihren Blogeintrag zum Herbstfest schreibt, könnt ihr dort bestimmt einige Videos bewundern. =)

Nach einem weiteren Besuch beim Stand der Deutsch-Studenten (inclusive leckerer Bratwurst) haben wir uns auf den Weg zur Nebenbühne gemacht. Kahos Zirkel hatte dort noch einen weiteren Auftritt, den wir uns gern noch ansehen wollten, zumal sie diesmal größtenteils andere Stücke aufführen wollten als am Nachmittag. Bis es losging, konnten wir uns noch ein wenig die Jazzmusik der Vorgängerband anhören.
Im Nachhinein hätte ich mich gern auf der anderen Seite der Bühne niedergelassen und nicht auf der, wo der Verstärker stand. Vor allem Geigen können verdammt schmerzhaft sein im Ohr, wenn sie durch so ein Monster zigfach verstärkt werden und man sich in unmittelbarer Nähe befindet. Das war echt schade, weil der Student, der die erste Geige gespielt hat, wirklich sehr gut war, wenn ich das mit meinem nicht vorhandenen musikalischen Gehör jetzt einfach mal so einschätzen kann.

Inzwischen war es längst nach 18 Uhr, demnach auch längst dunkel, und der letzte Zirkel hatte sein Projekt ebenfalls vollendet: Das Kerzen-Aussetzen. Direkt neben dem Campus-Eingang wurden die Heimkehrenden von einem leuchtenden Kerzenmeer verabschiedet und luden natürlich noch einmal zum abschließenden Foto-Schießen ein. Ich hätte mich auch gern daran beteiligt, wenn sich gegen Ende der Breakdance-Aufführung nicht mein Kamera-Akku dazu entschieden hätte, den Geist aufzugeben. Aber so ein Kerzenmeer bei Nacht ist wirklich etwas Tolles.